Interview mit Anne Sono

Anne Sono moderiert mit Robert Stein den Spirit of Health Kongress am 3. + 4. März 2018
Mit kurzen Interviews, die Anne mit den Referenten vor deren Auftritten führt, erfährt das Publikum Näheres über die jeweiligen Menschen und deren Tätigkeitsschwerpunkte.

Bevor Anne Sono Filmemacherin, Journalistin und Autorin wurde, studierte sie Betriebswirtschaft. Sie ist Inhaberin von „blue bell media“[1], einer Produktionsfirma für sozialkritische Film-Dokumentationen. Unermüdlich und engagiert widmet sich Anne seit vielen Jahren Themen, die gesundheits- und gesellschaftspolitisch außerordentlich relevant und teilweise brisant sind. Wir baten sie darum, in dieser Sonderausgabe über ihre früheren, aktuellen und geplanten Projekte zu erzählen.

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Nach ihrem filmischen Erstlingswerk „…denn ich werde gelebt haben“, in dem es um zwei an Brustkrebs erkrankte Frauen geht, folgten die Dokumentarfilme „Traumschule“, „Das Narrenschiff“ und „Schulfrei“. Populär wurde Anne im Anschluss daran besonders mit ihrer Produktion „I won’t go quietly“, ein Film über die Odyssee von sechs Frauen, denen die Diagnose HIV-positiv gestellt wurde. Im Juni 2016 veranstaltete sie eine Online-Konferenz zum Thema Selbstheilung mit dem Schwerpunkt Krebs[2], die auf sehr große positive Resonanz stieß. Im Oktober 2016 fand die „Selbstheilungskonferenz 1.2“ anlässlich des Brustkrebsmonats mit über 12.000 (aktualisierten) Zuschauer/innen statt. Für November 2017 ist eine weitere Online-Konferenz zum Thema Sucht und Co-Abhängigkeit geplant.

Spirit of Health Magazin: Als studierte Betriebswirtschaftlerin könntest du heute beispielsweise als Führungskraft in einem Konzern sitzen, jede Menge Privilegien genießen und ein sorgenfreies Leben führen. Wie kam es bei dir dazu, dass du einen ganz anderen Weg eingeschlagen hast?

Anne Sono: Ich fühlte mich entfremdet. Meinen ersten Job als Betriebswirtin hatte ich in der Bundesdruckerei in Berlin. Ich war sehr viel krank und lebte von Feierabend zu Feierabend, von Wochenende zu Wochenende und von Urlaub zu Urlaub. Schon nach wenigen Monaten war klar: Hier muss ich weg! Ich reiste dann erst einmal drei Monate durch die USA und kam zurück mit dem Wunsch, das Filmemachen zu lernen. Ich habe dann berufsbegleitend eine Ausbildung gemacht und meinen ersten 16mm-Kurzfilm gedreht. Ich arbeitete anschließend mehrere Jahre als Betriebswirtin für Filmproduktionen. Das fühlte sich schon richtiger an für mich.

Dann kamen meine Kinder auf die Welt und das Thema Bildung rückte in den Vordergrund. Mein älterer Sohn war kreuzunglücklich in der Schule. Schon die Einschulungsfeier hat er durchgeweint: „Mama, bring mich hier raus!“, meinte er in völliger Verzweiflung. Ich kannte meinen Sohn und war immer beeindruckt von seinem klaren Gespür für das, was stimmt und das, was nicht stimmt. So nahm ich seinen Protest ernst und hab mich an das Projekt Schulgründung gemacht. Damals dachte ich noch, man muss Schule nur besser machen. Nun, dieses Projekt nahm mich schnell so in Anspruch, dass das zu meinem neuen Job wurde. Die letzte Arbeit als Angestellte einer Filmproduktionsfirma in Babelsberg hatte ich sowieso gekündigt. So krempelte ich die Ärmel hoch und stürzte mich ins Abenteuer „Schule gründen“. 2002 eröffnete dann die Freie Schule Charlottenburg. Ich arbeitete dort fünf Jahre als Geschäftsführung und lernte sehr viel über Pädagogik, die Freiheit, unser Bildungssystem und vor allem über mich selbst. Es war eine reiche, aber auch anstrengende Zeit.

Eigentlich wollte ich schon damals anfangen eigene Filme zu machen, aber die Schulgründung war so vereinnahmend , dass es dann doch fünf Jahre dauerte bis ich meinen ersten eigenen Film veröffentlichte: „….denn ich werde gelebt haben“. Kurz nach der Premiere entschied ich mich, aus dem Schulprojekt rauszugehen. Ich würde aus heutiger Sicht auch keine Schule mehr gründen, sondern würde ein Leben ohne Schule bevorzugen. Dieses Thema habe ich dann in meinem dritten Film ausgelotet: „Schulfrei“, ein Portrait von drei Familien, deren Kinder nicht in die Schule gehen. Und so ging es immer weiter. Die Projekte habe ich nicht gesucht, sondern sie kamen immer zu mir. So auch der Film „I won’t go quietly“. Es ist wunderbar zu erleben, dass ich immer geführt werde.

Spirit of Health Magazin: „Die Frage nach der menschlichen Natur, ihrer Befreiung von Bevormundung und Zwängen interessiert uns. Themenschwerpunkte sind dabei freie Bildung, lebenslange Gesundheit, Nachhaltigkeit und Afrika“ – so steht es auf deiner bluebell-media-Seite. Damit bringst du das, was offenkundig deine Berufung ausmacht, prägnant auf den Punkt. Das sind ja auf den ersten Blick ganz unterschiedliche Themen. Gibt es dazwischen so eine Art roten Faden oder eine gemeinsame Schnittmenge?

Anne Sono: Der rote Faden ist das Thema Befreiung. Mir wurde während des Prozesses der Schulgründung klar, wie ich durch die Schule manipuliert und in eine bestimmte Richtung gedrängt worden war, die eigentlich gar nicht mir entsprach. Das BWL Studium war sehr stark durch den Wunsch geprägt, gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen und dazuzugehören, einem Bild zu entsprechen, das uns in Medien und Schulen als „erfolgreich“ vorgestellt wird. Ich versuchte, mich in ein Korsett zu zwängen und fühlte mich furchtbar eingeengt dabei. Diese Befreiung von Fremdbestimmung ist ein sehr großes Thema, also eines der größten überhaupt. Die Selbstentfremdung, der wir alle mehr oder weniger unterliegen, die wir in dieser Gesellschaft mit diesem Schulsystem groß werden, ist für mich wie eine Verschmutzung unseres Inneren, von der wir uns befreien müssen, wenn wir zum Kern kommen wollen. In den herkömmlichen Schulen bleiben die wichtigsten Fragen außen vor. Dort galt oft: „Je gehorsamer und angepasster ich bin, desto mehr Anerkennung erhalte ich.“

Der Preis dafür ist hoch: Wir verlieren den Bezug zu uns selbst und unserer inneren Stimme, unserer Seele. So war das bei mir auch. Dazu noch diverse Kindheitstraumata, die dazu führten, dass ich als junge Erwachsene magersüchtig wurde. Ich war dann in einer Suchtklinik, die mir die Augen geöffnet hat. Die haben mir gesagt: „Du musst dich da selbst rausholen, das kann kein anderer für dich machen!“ Das war eine Art Aufwachen: Ich habe dort begriffen, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen. Vorher hatte ich immer eine Erwartung an die „Experten“, also an die Ärzte oder Therapeuten, dass sie mir sagen können, wo’s lang geht oder eine Pille parat haben… Aber das ist ein großer Irrtum, der unser gesamtes medizinisches System maßgeblich prägt: Wir können uns nur selbst heilen!

Ich glaube, dass Kinder, deren Bedürfnisse wirklich ernst genommen wurden und die nicht stillsitzen und 45 Minuten lang Mathe über sich ergehen lassen mussten, auch wenn ihnen nach etwas ganz anderem der Sinn steht, nicht diese Selbstentfremdung erfahren, wie ich sie erlebt habe. Wenn ich mich aus der Fremdbestimmung löse, dann heile ich mich und heile immer auch die Welt um mich herum mit. Das Außen ist ja nur eine Reflexion des Innen.

In Kenia ist mir das auch sehr stark aufgefallen: Eigentlich ist das ein sehr reiches Land, mit großen Bodenschätzen, mit einer ganzjährigen Wachstumsperiode und wunderbaren Tropenfrüchten, die überall wild und gratis wachsen. Doch die Menschen fühlen sich arm, weil in ihnen künstliche Bedürfnisse geweckt worden sind durch unser westliches Schulsystem, die Werbung etc. Sie wollen dort kein Wasser der Kokosnuss haben, sondern CocaCola. Wenn sie sich das nicht leisten können, fühlen sie sich arm. Und dieses Grundgefühl generiert weitere Armut und Abhängigkeit.

Ein ähnliches Muster findet sich im medizinischen System: Wir denken, wir brauchen Impfungen, Krankenhäuser, Krankenversicherungen und Ärzte, um gesund zu sein. Dabei generiert deren Anwesenheit Abhängigkeit. Es gibt eine Untersuchung aus Israel, die klar gezeigt hat, dass die Todesrate während eines Ärztestreikes deutlich gesunken ist. Wir müssen uns aus diesen Abhängigkeiten lösen, wenn wir uns weiterentwickeln wollen. Diese Selbstbefreiung ist ein permanenter Prozess, in dem ich mich täglich übe und reflektiere.

Spirit of Health Magazin: Dein Durchbruch kam im Jahr 2012 mit dem Film „I won’t go quietly“. Wir führten seinerzeit ein Interview für die Raum&Zeit[3]. Öffentliche Aufführungen waren zunächst mit Widerständen verbunden. Ich erinnere mich daran, dass ein Bremer Kino damals ganz kurzfristig die geplante Vorführung wegen eines diffamierenden Artikels in der taz absagte. Auf die Schnelle musste improvisiert und ein anderer Veranstaltungsort gefunden werden. Ähnliche Erfahrungen machtest du auch in anderen Orten. Bedeutet das alles nicht eine Menge Stress und wie schaffst du es, immer wieder die Kraft zum Weitermachen zu mobilisieren?

Anne Sono: Ja, solche Erfahrungen mit dem Film gab es insgesamt achtmal. Am krassesten war es in London, wo uns die Universität für Afrikanische und Orientalische Studien (SOAS) eingeladen und eineinhalb Studen vor der Vorführung wieder ausgeladen hat. Ich machte trotzdem immer weiter, weil ich es als meine Aufgabe ansah. Und wenn etwas deine Aufgabe ist, dann bekommst du auch die Kraft dafür. Ich habe auch sehr viel Zuspruch und wunderbare Dinge erlebt im Zusammenhang mit dem Film „I won’t go quietly“. Jede Menge Menschen stehen hinter mir und dem, was ich tue. Das ist ein großes Geschenk für mich. Schwierig wurde es für mich erst im Jahr 2015, als Barbara Seebald und kurz danach Lindsey Nagel, zwei Frauen aus dem Film, verstarben. Ich war ziemlich schockiert. Vor allem den Tod von Barbara kann ich nicht erklären. Und ich habe deshalb aufgehört, mit dem Film öffentlich aufzutreten. Das heißt aber nicht, dass ich nicht mehr.

Spirit of Health Magazin: Welche Erfahrungen hast du mit den beiden von dir initiierten Online-Konferenzen gemacht?

Anne Sono: Online-Konferenzen habe ich als neues Format im Jahr 2016 für mich entdeckt. Sie haben den Vorteil, dass man keinen Vorführort braucht und unabhängiger ist von der Entscheidung anderer und noch dazu mit weniger Mitteln mehr Menschen erreichen kann. Das hat mich fasziniert und ich habe es ausprobiert. Es hat sehr gut funktioniert. Ich hatte bei der ersten Konferenz 7.700 Teilnehmer und bei der Selbstheilungskonferenz 1.2 zum Themenschwerpunkt Brustkrebs dann schon 13.000.

Eine ganz wichtige Lektion für mich war, aufzuhören die Welt verbessern oder Gutes tun zu wollen. Das war bei dem AIDS Film noch der Fall. Irgendwie fühlte ich mich als Retterin mit meinem Wissen und das schmeichelte meinem „Ego“. Während der Arbeit an der Selbstheilungskonferenz Krebs habe ich gelernt, dass es nur um mich und meine eigene Heilung geht. Und dieser klare Fokus hat mich dann zum nächsten Projekt geführt: Selbstheilungssymposium Sucht, das im November 2017 an den Start gehen soll.

Ich war früher magersüchtig, nikotinabhängig, coabhängig (mein erster Freund war Alkoholiker) und habe mich viel mit der Selbstheilung von Sucht beschäftigt. Ich bin jahrelang zu den Anonymen Esssüchtigen in die Meetings gegangen und habe dort sehr viel gelernt. Ich habe mit den Meetingbesuchen nach ca. zehn Jahren aufgehört; das Essen hatte sich sehr normalisiert, ich rauchte nicht mehr. Aber jetzt, seit ca. vier Jahren, ist das Thema Essen wieder aktuell geworden für mich und ich merke, ich will da noch weiter forschen und freier werden von zwanghaftem Essen oder auch Nichtessen. Ich werde diese neue Konferenz auch wieder sehr persönlich gestalten, als meine Suche nach Heilung von Sucht. Ich bin gerade mittendrin, habe bisher zwei Interviews geführt. Die alleine waren schon so bereichernd, dass ich denke, der ganze Aufwand hat sich schon jetzt gelohnt. Menschen, die eine Sucht erkannt und hinter sich gelassen haben, tragen in sich einen großen Schatz! Ich fühle mich wie eine Goldgräberin. All diese wunderbaren Menschen und ihre persönlichen Geschichten bringen die Welt zum Leuchten und helfen uns, uns mit unseren eigenen dunklen Seiten zu beschäftigen.

Spirit of Health Magazin: Dank der vielen alternativen Medien im Internet haben sich in den letzten Jahren Informationen flutwellenartig verbreitet. Doch noch immer scheinen sich die Lager zu spalten in jene, die über Hintergründe „jenseits des Mainstreams“ informieren und jene, die das alles für Verschwörungstheorien halten. Ich denke da auch gerade an das Thema „Impfen“, das nach wie vor stark kontrovers diskutiert wird, obwohl auf der Hand liegen dürfte, dass die uferlose Impferei gravierende gesundheitliche Folgen hat. Du bist eine erfahrene Medienfrau mit analytischem Gespür für gesellschaftliche und psychologische Zusammenhänge. Wie ließe sich diese Diskrepanz deiner Meinung nach überwinden oder – anders gefragt – wie könnte man eine Brücke bauen zwischen den unterschiedlichen Meinungen?

Anne Sono: Ich liebe diese Frage! Die Veränderung fängt bei jedem selbst an, im eigenen Umfeld: Wenn wir bewusste, informierte Entscheidungen treffen und diese auch vertreten, dann hat das eine Wirkung. Nicht im Sinne von Missionieren, sondern im Sinne von „Ich mache das, weil es für mich richtig ist“. Und je überzeugter ich innerlich von meinem Weg bin, desto mehr werden die Menschen im Umfeld neugierig und fragen nach. Die Gesundheit und die Wahrheit haben eine ganz andere Strahlkraft als die Angst und die Lüge. Wenn wir uns bemühen, unser Licht bestmöglich leuchten zu lassen, dann haben wir genug getan. Und die Lager, von denen du sprichst, werden automatisch verschwinden.

Dies habe ich schon sehr deutlich gesehen an dem Beispiel Bildung: Vor zehn Jahren war es völlig exotisch, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob ein Kind in die Schule gehen soll oder nicht. Heute bringen auch die Mainstreammedien darüber Beiträge, laden André Stern zu Diskussionsrunden ein und die alternativen Schulen schießen wie Pilze aus dem Boden. Mit dem Thema Veganismus verhält es sich ähnlich. Ich finde das sehr hoffnungsvoll auch für andere Themen wie das Impfen.

Wir sollten die Verantwortung nicht an die Politiker delegieren, sondern wir müssen die Verantwortung in die eigene Hand nehmen und innerlich klar unseren eigenen Weg gehen. Wenn wir uns ändern, ändert sich das „System“, in dem wir leben, automatisch mit oder wir brauchen dann vielleicht gar kein „System“ mehr. Es wird sich auflösen.

Eine wichtige Sache noch, die ich gelernt habe im Zusammenhang mit den Arbeiten an dem Film „I won’t go quietly“ und auch in der Auseinandersetzung mit Heinrich Jacoby (Begabungsforscher): Es ist sehr wichtig, sich immer bewusst zu sein, wo wir selbst herkommen. Also nicht überheblich daherkommen, „Ich weiß es besser als du, ich bin bewusster oder erwachter“ oder so ein Quatsch, sondern aus einer Haltung der Liebe und Bescheidenheit heraus allen Menschen begegnen. Das ist existenziell wichtig: Auch meine Kenntnis habe ich nicht als eigenes Verdienst erworben, sondern sie ist ein Geschenk und baut auf dem auf, was viele kluge und wache Menschen schon vor mir gedacht und erforscht haben.

Spirit of Health Magazin: Was brauchen die Menschen deiner Meinung nach momentan am dringlichsten, damit das eintreten könnte, was sich im Grunde alle empathischen Menschen auf Erden wünschen, nämlich Frieden und eine heile Natur?

Anne Sono: Es ist eigentlich ganz einfach: Heile dich selbst, dann heilst du die Welt. Willst du das Leiden in der Welt beenden, dann beende zuerst das Leiden in deinem Leben. Wenn du das Leid der Tiere beenden willst, höre auf Tiere zu essen, wenn du den Krieg beenden willst, schaffe Frieden in dir und in deiner Familie, wenn du eine heile Natur haben möchtest, beschäftige dich mit der Verschmutzung in deinem Inneren.

 

 

[1]      http://www.bluebell.de/index.php?lang=de

[2]      http://selbstheilungskonferenz.com/

[3]      https://www.raum-und-zeit.com/cms/upload/Newsletter/archiv/rz_newsletter_Artikel_176.pdf

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