Das Adoptionsgeschäft - Den Eltern entrissen, als Waisen verkauft - SPIRIT OF HEALTH

Zum Kongressvortrag von Dorrit Saietz „Das Adoptionsgeschäft – Den Eltern entrissen, als Waisen verkauft“, am Samstag, 4. März 2018, von 9.00 bis 10.00 Uhr

Interview mit Dorrit Saietz

Dorrit Saietz ist eine bekannte dänische Reporterin, die für zahlreiche dänische Zeitungen schreibt, unter anderem auch für „Politiken”, eine der wichtigsten Tageszeitungen Dänemarks.
Sie begann ihre Karriere vor über 40 Jahren als freiberufliche Journalistin. Sie bereiste hauptsächlich Südamerika und verfasste eine Vielzahl von Publikationen für dänische und skandinavische Zeitschriften. Ihr Repertoire reicht von politischen, über soziale bis hin zu ökonomischen Themen, wobei sie in den letzten Jahren schwerpunktmäßig über den Klimawandel und das Nord-Süd-Gefälle berichtete.

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Das Thema Adoptionen wurde durch eine Whistleblowerin an sie herangetragen, die sie auf den Fall „Amy Steen“ aufmerksam machte. Das junge Mädchen aus Äthiopien war, gemeinsam mit ihrer Schwester, von einer dänischen Familie adoptiert worden und wurde dann, weil die Adoptiveltern nicht mehr mit ihr zurechtkamen, an die Behörden weitergereicht. Damit begann eine Odyssee, die international für Schlagzeilen sorgte.

Dieser Fall, der leider kein Einzelfall ist, bot schließlich die Grundlage für das Buch „Das Adoptionsgeschäft – Den Eltern entrissen, als Waisen verkauft“.

Saietz, schockiert über das Geschehen, machte sich auf die Suche nach den Wurzeln des Mädchens. Sie deckte dabei weit mehr auf, als nur die traurige Geschichte einer misslungenen Adoption, sie warf einen Blick hinter die Kulissen eines ganzen Industriezweigs – die Ware: Kinder.

Spirit of Health Magazin: Erzähle uns ein wenig mehr über den Fall Amy.

Dorrit Saietz: Normalerweise hört man meistens nur Gutes über Adoptionen, wie toll sie sind und wie sehr das adoptierte Kind geliebt wird. Nun jedoch zu erfahren, dass es Adoptiveltern gibt, die von sich aus das Jugendamt anrufen und sagen „Nehmen Sie das Kind, wir wollen nichts mehr von ihm wissen“, das habe ich noch nie gehört. Und hier stand sie nun, allein. Dabei sollte die Adoption ihre Rettung sein, ihre Rettung aus der Armut und ihrem Dasein als Waise.

Spirit of Health Magazin: Wie alt war Amy, als sie von der Familie aufgenommen wurde.

Dorrit Saietz: Laut ihrer Papiere war Amy angeblich sechs Jahre alt, als sie nach Dänemark adoptiert wurde. Sie war vermutlich jedoch bereits älter, so um die zehn oder elf Jahre. Das ist häufig der Fall. Kinder werden auf dem Papier jünger gemacht, damit sie für den Adoptionsmarkt interessanter sind.

Spirit of Health Magazin: Sie hatten das Mädchen also noch gar nicht so lange bei sich?

Dorrit Saietz: Nein. Sie war ungefähr ein bis einundeinhalb Jahre in der Familie, als diese sich entschied, sie abzugeben. Daraus ergab sich die Frage, wieso ein Kind in diesem Alter überhaupt noch adoptiert worden war. Kinder in dem Alter haben bereits ein ausgeprägtes Erinnerungsvermögen. Sie wusste, dass sie eine lebende Mutter hatte, eine Familie. Was machte also so ein Mädchen überhaupt in Dänemark bei einer Familie, die sie am Ende dann gar nicht haben wollte?

Spirit of Health Magazin: Sie war also gar keine Waise?

Dorrit Saietz: Ganz genau. Sie hat eine Mutter, die lebt, und eine ältere Schwester, welche sie schmerzlich vermisste. Dies führte zu Konflikten in ihrer Adoptivfamilie, da sie sich dort nicht zurechtfand. Sollten Kinder, die zur Adoption freigegeben werden, nicht Waisen sein? Dies war aber nicht der Fall, denn Amy hat Geschwister, eine Mutter, eine Familie.

Die Adoptivfamilie hatte sogar die Mutter in Addis Abeba getroffen, als sie kamen, um Amy abzuholen. Sie waren sich dessen also durchaus bewusst.

Als Amy in Dänemark in eine Pflegefamilie kam, beschloss ich kurzerhand nach Äthiopien zu fliegen, um Amys Mutter zu treffen. Normalerweise ist es sehr schwierig die Eltern eines aus dem Ausland adoptierten Kindes ausfindig zu machen, da die Adoption oft anonym abläuft, doch ich war erstaunt, wie einfach es in diesem Fall war. Amy hatte einige wenige Fotos von ihrer Familie, und auf der Rückseite auf einem dieser Fotos befand sich die Telefonnummer ihrer Mutter. Ich musste also lediglich einen Journalisten vor Ort bitten bei ihr anzurufen und sie zu fragen, ob ich sie treffen könne, ich sei eine Freundin ihrer Tochter in Dänemark. Amys Mutter war außer sich vor Freude und bat mich, ihr Neuigkeiten von ihren beiden Kindern zu bringen. Amy war gemeinsam mit ihrer kleinen Schwester in die gleiche Familie vermittelt worden.

Spirit of Health Magazin: Wie alt war die Schwester? Hat die Familie dieses Mädchen behalten?

Dorrit Saietz: Die Schwester war zum Zeitpunkt der Adoption erst zwei Jahre alt, ein Kleinkind also, was sich für die Adoptiveltern als viel einfacher herausstellte. Das größere Kind war zu schwierig, da lag es dann nahe das große abzugeben und das kleine zu behalten. Das größte Problem dabei war, dass die Adoptiveltern, nachdem sie Amy los waren, es nicht erlaubten, dass die Geschwister sich sahen,.

Spirit of Health Magazin: Die Adoptiveltern unterbanden also den Kontakt zwischen den beiden Schwestern?

Dorrit Saietz: Anfangs durften sie sich noch sehen, doch dann haben die Adoptiveltern immer wieder neue Forderungen bezüglich der Rahmenbedingungen gestellt, wie und wann dies zu geschehen habe. Die Abstände der Treffen wurden dann immer größer, bis sie sich gar nicht mehr treffen durften. Man muss dabei bedenken, dass die Schwester Amys einzige biologische Verwandte in einem fremden Land ist. Ihr einziger Bezug zu ihrer Heimat. Zudem stand Amy ihrer Schwester immer sehr nahe. Plötzlich durfte sie diese acht oder neun Monate nicht sehen, dann vereinzelt ja, dann wurde der Kontakt willkürlich wieder unterbunden.

Spirit of Health Magazin: Dies war also dein Einstieg in das ganze Adoptionsthema. Was hat dich dazu bewogen ein Buch darüber zu schreiben?

Dorrit Saietz: Als ich schließlich los fuhr und Amys Mutter traf, öffnete sich mir eine Welt, geprägt von Korruption, Täuschung und Betrug. Ich sah, wie unethisch äthiopische Adoptionsagenturen arbeiteten und ich verarbeitete diese Erkenntnisse in einer Reihe von investigativen Artikeln, die in dänischen Zeitungen veröffentlicht wurden. Diese wiederum brachten eine Diskussion rund um das Thema Auslandsadoptionen ins Rollen.

Zeitgleich gab es einen Dokumentarfilm namens „Mercy Mercy“, der weit über die dänischen Grenzen hinaus bekannt wurde, und in dem es ebenfalls um die gescheiterte Adoption von zwei äthiopischen Kleinkindern durch ein dänisches Paar ging. Dabei stellte sich heraus, dass es sich bei diesen Kindern um Fälle aus der gleichen Adoptionsagentur und demselben Waisenhaus handelte. Es waren also genau die gleichen Leute involviert, wie auch in Amys Fall.

Dies wiederum schuf den nötigen Anstoß, um eine Reform der dänischen Adoptionsregelungen in Bewegung zu setzen. Diese Reform hat einiges bewirkt, ging jedoch meiner Meinung nach in einigen Bereichen nicht weit genug.

Nach zwei, drei Jahren, in denen ich über dieses Thema schrieb und auch öffentlich darüber debattiert wurde, entschloss ich mich, aufgrund ihrer Relevanz, ein Buch über die ganze Geschichte zu schreiben.

Spirit of Health Magazin: Was die meisten nicht wissen, in vielen Ländern existiert das Konzept der „Adoption“ so überhaupt nicht.

Dorrit Saietz: Ja, ganz genau. In Äthiopien zum Beispiel gehören die Adoptiveltern zur Familie dazu. Es ist dort gang und gäbe, dass man seine Kinder bei Familienmitgliedern oder Nachbarn lässt, wenn man aufgrund der Arbeit oder aus anderen Gründen für kurze oder längere Zeit weg muss. Man kümmert sich sozusagen um die Kinder, aber die Eltern bleiben die Eltern. Auch wird den Eltern von den Agenturen versprochen, sie würden jährlich Informationen über das Wohlergehen ihrer Kinder erhalten, was dann aber oft nicht der Fall ist.

Amys Mutter hatte zum Beispiel gerade ihren Neffen bei sich als ich sie traf. Sie hatte ihn bei sich aufgenommen. Wenn also eine Familie einer Adoption ins Ausland zustimmt, dann ist es für sie wie eine Erweiterung der Familie. Es wird darin keine Endgültigkeit gesehen, keine Aufgabe der eigenen Rechte, sondern es ist für sie als hätten sie einen Bruder oder eine Schwester dazu gewonnen, die sich nun um die Kinder kümmern und diesen ein vermeintlich besseres Leben bescheren. Eine temporäre Situation. Unser Verständnis von Adoption wiederum ist ein ganz anderes.

Es gibt die sogenannte „starke“ (im Englischen „strong adoption“) und die „schwache“ („weak“) Adoption. Wir praktizieren in der westlichen Welt die starke Adoption, in der eine komplette Trennung von den biologischen Eltern vollzogen wird und alle Rechte auf die Adoptiveltern übertragen werden. Die biologischen Eltern sind somit nicht mehr die rechtmäßigen Eltern des Kindes. In den ärmeren Herkunftsländern der Kinder ist dagegen eher die „schwache“ Adoption üblich, bei der alle Informationen offen zugänglich sind und die biologischen Eltern bleiben rein rechtlich auch die Eltern des Kindes. Äthiopische Adoptionen sind immer schwache Adoptionen, was bedeutet, dass die Eltern auch bei einer Adoption die rechtmäßigen Eltern bleiben, die Adoptiveltern lediglich eine gewisse Entscheidungsgewalt haben und die Kinder in ihre Obhut nehmen. Sobald die Kinder allerdings ihre Heimat verlassen, werden alle Verbindungen gekappt und die anfangs „schwache“ Adoption wird in eine „starke“ Adoption gewandelt. Die äthiopischen Eltern wissen nicht, dass dies so kommen wird.

Spirit of Health Magazin: Wie ist die Situation speziell in Äthiopien?

Dorrit Saietz: Meine Recherchen, aber auch die zahlreicher anderer Journalisten, haben gezeigt, dass Äthiopien das Erntefeld der Adoptionsindustrie ist. Neue Agenturen strömten ins Land, Dutzende ausländische Agenturen etablierten sich, es wurden Agenten eingesetzt, die die Dörfer besuchten, um nach Kindern für den Adoptionsmarkt zu suchen. Deutsche, dänische, nordische und europäische Agenturen, die behaupteten auf einer besseren ethischen Grundlagen zu agieren als beispielsweise die christlichen amerikanischen Agenturen, haben diese Situation ausgenutzt, wenn auch etwas diskreter.

Die Frage ist: Wann ist eine Adoption überhaupt ethisch?

Gemäß der internationalen Richtlinien sollte eine Adoption das letzte Mittel sein. Ist das Kind wirklich Waise? Sind alle lokalen Möglichkeiten erschöpft? Kann sich niemand dort um das Kind kümmern? Ist eine inländische Adoption möglich? Was ist mit Institutionen vor Ort, wie zum Beispiel SOS Kinderdörfern, die eine familienähnliche Struktur bieten? Es ist nicht so, dass alle Waisenhäuser ein schlechtes Leben bieten. Wann sind alle Möglichkeiten, dass das Kind in seiner eigenen Heimat, Umgebung und Kultur bleiben kann, erschöpft?

Wenn man dies als Kriterium nimmt, dann denke ich, sind viele Adoptionen unethisch. Wenn wir nun über Betrug und Täuschung sprechen, dann würde ich sagen, dass dies eine große Anzahl von Adoptionen aus Äthiopien betrifft. Es ist schwierig Zahlen zu nennen, denn das System erlaubt keine Untersuchungen. Die Adoptionsdossiers sind privat, sie sind geschlossen und die dänischen Behörden waren nicht in der Lage wirklich bis in die Tiefe vorzudringen, um zu verstehen, was in Äthiopien abläuft.

Es war also lediglich die Rede von einer Reform der Adoptionsangelegenheiten. Es sollten bessere Kontrollmechanismen eingeführt werden, doch schon kurze Zeit darauf wurden alle Adoptionen aus Äthiopien eingestellt. Das heißt, es werden nun keine Kinder mehr aus Äthiopien nach Dänemark adoptiert. Dies scheint ein Zugeständnis zu sein, dass die Dinge nicht richtig liefen. Auch einige andere Länder waren betroffen und es wurde kritischer mit den Adoptionen umgegangen. Nachdem beispielsweise ungefähr sechzig Kinder aus Nigeria nach Dänemark adoptiert worden waren und sich auch dort Unregelmäßigkeiten in den Papieren fanden, wurden auch Adoptionen aus Nigeria gestoppt. Ich denke nicht, dass all dies geschehen wäre, hätte es nicht die kritische Auseinandersetzung mit diesem Thema in den Medien gegeben.

Leider habe ich herausgefunden, dass die betrügerischen Waisenhäuser weiterhin mit europäischen Agenturen zusammenarbeiteten, wie zum Beispiel mit „Eltern für Afrika“ in Deutschland. Ich rief dort an und fragte, ob sie darüber informiert seien, dass das Waisenhaus in der Kritik stehe und die dänischen Behörden deshalb alle Adoptionen aus diesem Waisenhaus eingestellt hätten. Sie sagten mir, dass sie davon gehört hätten, aber nicht glaubten, dass dies der Wahrheit entspräche, weil die Adoptionen, die sie abgewickelt hätten, alle in Ordnung gewesen seien. Dies zeigt deutlich, dass selbst in einer Situation, in der alle Alarmglocken läuten sollten, der Handel einfach weitergeht.

Spirit of Health Magazin: Ist Adoption ein lukratives Geschäft?

Dorrit Saietz: Sicherlich ist es für einige Waisenhausleiter in den Ursprungsländern der Kinder ein guter Profit, doch diese Industrie bietet einfach auch hierzulande vielen Menschen einen Job … auf der Warteliste stehen zahlreiche Eltern, die viel Geld bezahlt haben und ungeduldig auf ihr Kind warten. Die Nachfrage nach Kindern ist sehr groß. Arun Dohle hat 2009 einen sehr guten Bericht für „Wereldkinderen“ verfasst, der dafür sorgte, dass Wereldkinderen intern eine Reform durchgeführt hat. Allerdings haben sie die restliche Adoptionsgemeinschaft nicht entsprechend gewarnt, was sie hätten tun sollen, da sie alle im europäischen Verband der Adoptionsagenturen sind. Doch dies geschah nicht.

Spirit of Health Magazin: Ich kenne nur das Buch von Roelie Post „Romania – For Export Only“, das sich mit dem Thema Adoption befasst. Es gibt kaum Literatur zu diesem Thema, oder?

Dorrit Saietz: Doch, es gibt zahlreiche gute Bücher amerikanischer Autoren, wie zum Beispiel Kathryn Joyce „The Child Catchers“, das sich auf die christliche Adoptionsbewegung konzentriert. Allerdings kommen auch hier Probleme mit Äthiopien zur Sprache. Eine weitere Autorin ist Erin Siegal, die über Adoptionen in Guatemala schrieb. Der Schwerpunkt all dieser Bücher liegt jedoch hauptsächlich auf Amerika.

Spirit of Health Magazin: In Amerika sind Adoptionen oft religiös geprägt. Was sind die Gründe für Adoptionen hierzulande?

Dorrit Saietz: Ich denke, unsere Religion ist eine Art missverstandene humanitäre Mission. Wir möchten gut sein, wir möchten helfen und Gutes tun. Wir möchten Kindern helfen und das ist eine starke treibende Kraft. Und so entscheiden wir uns, unsere Augen vor der kriminellen Unterwelt zu verschließen. Schließlich vegetieren diese armen Kinder in Waisenhäusern dahin, retten wir sie und schließen wir sie in unsere liebenden Arme. Das ist es, was wirklich falsch läuft, wenn man über ein zehnjähriges Mädchen spricht, das seine Mutter und seine Geschwister liebt, und der man so einfach hätte helfen können, bei ihrer Familie zu bleiben.

Spirit of Health Magazin: Was kann man anders machen? Ist es besser ganz auf Adoptionen zu verzichten? Als jemand, der dieses Thema nun umfangreich recherchiert hat, was wären Ihre Empfehlungen?

Dorrit Saietz: Nach all dem, was ich über Adoptionen herausgefunden habe, denke ich, könnte Adoption etwas Gutes sein, wenn sie ohne das ganze Geld vonstatten ginge. Dies wird jedoch nicht passieren. Und solange dies nicht der Fall ist, würde ich behaupten, dass es tausend bessere Wege gibt, um Kindern in der dritten Welt zu helfen. Es gibt so viele Möglichkeiten, die sinnvoller sind, als diese Profitmaschine und diese Ungleichheit in Gang zu setzen. Denn was hier passiert, ist, dass weiße privilegierte Eltern aus starken Ökonomien ihre Kinder von den ärmsten Menschen dieser Erde bekommen, die zu schwach sind, um für ihre Rechte zu kämpfen und zu unaufgeklärt, um zu verstehen, was da mit ihnen geschieht.

Wenn Regierungen dies übernehmen würden und es entstünde die extreme Situation in der ein Land seine eigenen Kinder nicht mehr versorgen könnte… doch über welches Land reden wir überhaupt? Selbst das ärmste der armen Länder in Afrika kann für seine Kinder sorgen. Jüngst nach der Ebolakrise lobte UNICEF in seinen Berichten die lokalen Gemeinden, wie diese die Krise gemanagt und sich um jedes verwaiste Kind gekümmert hätten. Kein Kind blieb auf der Strecke. Und das geschah in einer derartigen Notsituation.

Spirit of Health Magazin: Hat die dänische Regierung finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt, als der Fall Amy bekannt wurde?

Dorrit Saietz: Es gibt keinen Fond oder keine Entschädigung für Mädchen wie Amy, die zu Unrecht adoptiert wurden. Es gab keine Wiederherstellung ihrer Rechte.

Spirit of Health Magazin: Gab es danach eine großangelegte Untersuchung bzw. Aufarbeitung aller Adoptionsfälle aus demselben Waisenhaus?

Dorrit Saietz: Nein. Es wurde zwar ein Bericht über das Waisenhaus verfasst, danach wurden jedoch lediglich die Adoptionen aus diesem Waisenhaus gestoppt. Niemand befasste sich mit den Akten und überprüfte rückwirkend all die bereits abgeschlossenen Adoptionsfälle einzeln auf ihre Richtigkeit.

Amys Fall ist jedoch kein Einzelfall und es sind weltweit viele solcher Fälle bekannt, in denen Adoptionspapiere gefälscht und Kinder, die noch lebende Eltern hatten, als Waisen ausgegeben wurden. Der Vorsitzende der dänischen Adoptionsgesellschaft hat selbst drei Kinder derselben Mutter adoptiert, die ihren Papieren zufolge verwaist waren, deren Mutter aber ebenfalls noch lebt.

Spirit of Health Magazin: Gab es Familien, die Sie kontaktiert haben, nachdem diese Skandale durch Ihre Arbeit an die dänische Öffentlichkeit kamen, um herauszufinden, ob ihre eigenen Adoptivkinder auch betroffen waren?

Dorrit Saietz: Es gab extrem wenige Adoptiveltern, die dies zum Anlass genommen haben, über ihre Situation nachzudenken. Es gab vielleicht eine Handvoll Eltern, aber das war nicht die Mehrheit. Es gibt viele Möglichkeiten zur Ursprungsfamilie in Äthiopien Kontakt aufzunehmen, doch nur wenige haben dies getan. Es wird auch von der Gemeinschaft der Adoptiveltern nicht gern gesehen. Im Gegenteil, die Adoptionsgemeinschaft hat eine starke Lobby, die Druck ausübte, damit die Adoptionen weiterhin vonstatten gingen. Der O-Ton lautete, dass die meisten Adoptionen völlig o.k. seien, und wenn man zu viele Steine in den Weg lege, dann würde man den Kindern mehr schaden als ihnen Gutes tun.

Das stimmt so natürlich nicht, denn die Nachfrage potentieller Eltern ist um ein Vielfaches höher als die Zahl der für eine Adoption vorgemerkten Kinder.

Spirit of Health Magazin: Was würden Sie den Menschen gerne mit auf den Weg geben, die vielleicht gerade überlegen ein Kind zu adoptieren?

Dorrit Saietz: Ich würde jedem raten, der eine Adoption in Betracht zieht, zweimal darüber nachzudenken. Sie wissen nicht, wo Sie vielleicht mit hineingezogen werden. Sie wissen nicht, ob Sie vielleicht Teil von etwas werden, von dem wir immer nur das Gute sehen wollen, bei dem sich jedoch das Dunkle hinter einem Vorhang abspielt.

Ich kann den starken Wunsch nach einem Kind, dem Wunsch ihm all Ihre Liebe zu geben, verstehen. Doch was ist, wenn der Preis dafür die Zerstörung einer Familie ist? Was ist, wenn dieses Kind den Armen der eigenen Mutter entrissen wurde? Könnten Sie damit wirklich leben?

Spirit of Health Magazin: Vielen Dank für das Interview!

 

Das Buch von Dorit Saietz Buch erscheint Anfang 2018 im Jim Humble Verlag

In Ihrem Buch „Das Adoptionsgeschäft – Den Eltern entrissen, als Waisen verkauft“ wagt Dorrit Saietz einen Blick hinter die Kulissen von Auslandsadoptionen. Was sich wie ein Krimi liest, ist für viele Kinder bittere Realität. Das Buch wird Anfang 2018 erstmals in deutscher Sprache im Jim-Humble-Verlag erscheinen.

Das Adoptionsgeschäft – Den Eltern entrissen, als Waisen verkauft
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