Autorin: Beate Wiemers

Im Spirit of Health Magazin Nr. 2 starteten wir unsere Wilhelm Reich-Serie mit einer Biografie und setzten sie fort mit Beiträgen von Prof. Bernd Senf aus seinem Werk „Triebunterdrückung, zerstörte Selbstregulierung und Abhängigkeit”, eine Arbeit, die 1984 in der Zeitschrift „emotion” erschien und die Interessierten in kompletter Länge als pdf[1] zur Verfügung steht. Dass wir Wilhelm Reich so viel Aufmerksamkeit widmen, hat damit zu tun, dass wir seine Forschungsergebnisse für außerordentlich wichtig halten, da sie nahezu alle gesundheitlichen Prozesse, menschlichen Konflikte und gesellschaftlichen Spannungsfelder berühren, im wahrsten Sinne des Wortes also ganzheitlich zu betrachten sind.

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Nochmal zur Erinnerung: Wilhelm Reich prägte Begriffe wie „Orgonenergie” und „Orgonstrahlung” sowie „Cloudbuster” ebenso wie den Begriff „DOR” (Deadly Orgone Radiation). Ende der 1940er Jahre erbrachte er den naturwissenschaftlichen Beweis für die Existenz einer alle Organismen durchströmenden Lebensenergie als Basis natürlicher Selbstregulierung. Er entwickelte den sogenannten Orgon-Akkumulator, mit dem sich diese Energie verdichten lässt. Die auf diese Weise konzentrierte Lebensenergie nutzte Reich für therapeutische Zwecke – teilweise mit großem Erfolg.

Wenngleich Reich zu Lebzeiten als Querdenker beim Establishment sehr aneckte und viele Niederlagen einstecken musste, lebt sein Wissen heute, etwa 60 Jahre nach seinem Tod, wieder auf und steht all jenen zur Verfügung, die tiefer in die Materie einsteigen möchten. Sogar studieren kann man inzwischen das Reich’sche Wissen, die sogenannte Orgonomie. Das Spirit of Health Magazin sprach mit Joachim Trettin, Leiter des Wilhelm Reich Orgon-Institutes Europa mit Sitz in Nümbrecht.

SoHM: Joachim, sieht man sich deine Website an, vermittelt die Fülle an Informationen den Eindruck, dass man es hier mit jemandem zu tun hat, der tief in die Erkenntnisse Reichs und sein – für Laien – doch sehr komplex erscheinendes Wissen eingestiegen ist. Wann und wie kamst du eigentlich in Berührung mit Wilhelm Reich und was veranlasste dich dazu quasi dein gesamtes Leben dem Studium seiner Lehren zu widmen?

J.T.: Die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts waren geprägt durch einen politischen und kulturellen Aufbruch. Zu den politischen Veränderungen gehörte die Befreiung der Sexualität und die Politisierung des bürgerlichen Individuums. Es gab politische Experimente, die zum Inhalt hatten sich vom Bürgerlichen zu befreien und sich selber politisch neu zu definieren und zwar an den basisorientierten Bedürfnissen. Das waren die Kommunen, die K1 und K2 in Berlin, die Horlas in Köln, die Amon Düül in München. Und es gab die äußere politische Arbeit u.a. die SexPol Nord in Berlin und viele andere politische Organisationen. Eine wichtige Frage war: Inwieweit werden Herrschaftssysteme durch die Unterdrückung der Sexualität bestimmt? Der führende Theoretiker war hier neben Herbert Marcuse eindeutig Wilhelm Reich. Als ich seine Schrift “Was ist Klassenbewusstsein?” las, war ich derart beeindruckt, weil ich das Gefühl hatte, dass hier ein ehrlicher Mensch sprach. Die Beschäftigung mit seiner Lehre gab mir ein tiefes, heute würde ich sagen ein “spirituelles Raumgefühl”. Es war schnell klar, dass Reich meine politische Gesellschaftsperspektive werden würde und so kam es auch. Und heute stehe ich mitten im Zentrum dieser Arbeit, die vor nunmehr fast 50 Jahren begann.

Wir haben die Messungen zum Orgon in einer 10-jährigen Studie nachvollzogen. Wir haben Reichs biologische Experimente zur Bione mikroskopisch unternommen (lebende Zellen aus Bionen) und wir repräsentieren die originale Therapie von Reich, die Orgontherapie, und zudem bauen wir Orgonakkumulatoren seit 1974 für die ganze Welt, auch für Saudi Arabien.

SoHM: Die Erkenntnisse von Reich sind äußerst umfangreich und schlagen einen Bogen beginnend ab der Schwangerschaft und Geburt, über die Orgasmusfähigkeit und die generelle Freude am Leben bis zu ernsthaften psychischen und mentalen Erkrankungen von Individuen und last but not least bis hin zu den Auswirkungen von – mehr oder weniger in ihrer Lebenskraft behinderten Menschen – auf gesellschaftliche Systeme, wie es etwa der Faschismus deutlich machte und macht. Wie eine Art Dominoeffekt scheint sich ein missglückter Start ins Leben also in der jeweiligen Persönlichkeit geist-seelisch und auch physisch zu manifestieren und Einbußen in der Lebensqualität nach sich zu ziehen. Kannst du erklären, warum das nach Reich so ist?

J.T.: Das ist zunächst eine philosophische Frage. Was wir heute wissen ist, dass der Mensch eine besondere Eigenschaft hat, durch die er sich von der übrigen Tierwelt unterscheidet. Der Mensch denkt. Während die Tiere in ihre instinktive Natur eingebettet sind, steht dem gegenüber der Mensch mit seinem Großhirn, durch das er sich inzwischen vollständig identifiziert. Er ist wie ein Korn, das sich aus dem Wüstensand erhoben hat – letztlich sich selber aber fremd ist: “Wer bin ich? Worum geht es überhaupt?“ Hier klafft eine Lücke, die auch Angst macht. In den 50er Jahren entdeckte Reich das “introspektive” Denken aus orgonomischer Sicht, dessen Basis möglicherweise die “Fallangst” ist. Bewegt sich ein Organismus schneller als sein Nervensystem das verarbeiten kann, entsteht eine Kontraktion mit möglicherweise chronischem Charakter. Aber davon mal abgesehen, der Mensch ist sich fremd und muss sich finden. Sehr weit ist er damit leider noch nicht gekommen.

Und er ist zudem so ziemlich in alle Fallen getappt, die im Bereich des Möglichen sind. Zunächst entwickelte sich die Arbeitsteilung. Die ursprüngliche Gruppe machte nicht mehr wie früher alles zusammen. So entwickelte sich die Arbeitsteilung und damit auch die Teilung zwischen realer Arbeit und Administration (Verwaltung). Eine Führungsgruppe entstand und das führte zu der Trennung von Basis (die Gruppe) und Oberschicht (Häuptlingsclan) und letztendlich zu einem Interessenunterschied, der Beginn einer Klassengesellschaft. Das Mutterrecht (Matriarchat) wurde zum Vaterrecht (Patriarchat). Um sich die Herrschaft zu sichern, griff man in die Sexualität ein. Während das allgemeine Volk sich zunächst sexuell frei bewegen konnte, gab es in der Oberschicht (Häuptlingsclan) ausgesuchte Heiratskandidaten, die nicht frei lieben durften. Hier musste Macht zu Macht kommen.

Dies war ein entscheidender Schritt, weil die Menschen damit die Büchse der Pandora geöffnet hatten. Mit der Einschränkung der freien Sexualität entwickelte sich die Neurose, d.h. Menschen, die unfrei sind und schwach, sowie ausgestattet mit einer Charakterschicht, die die Summe aller Unterdrückungen darstellt, wie die daraus resultierende Frustration. Der Mensch hat sich durch die Sexualunterdrückung schwach gemacht; er wurde Beute derjenigen, die inzwischen Macht angenommen hatten. Das ist höchstwahrscheinlich der gesellschaftliche Aspekt der Blockung biologischer Antriebe. Reich gründete sein allgemeines Verständnis auf den dialektischen Materialismus. Nach der Dialektik hat jeder Teil (These) auch seinen Gegenpart (Antithese). Dialektik ist nun die Aufhebung dieser Gegensätze auf einer höheren Stufe (Synthese). Gesellschaftlich hat sich eine ursprünglich funktionierende Gesellschaft in eine nicht mehr funktionierende Gesellschaft gewandelt. Aber diese Art der Veränderung macht deren Aufhebung sehr schwierig. Das liegt an der Natur der Neurose, der Einfrierung der biologischen Energie, die es fast unmöglich macht sie wieder zu lösen. Die Orgontherapie zeigt, wie schwer es für Menschen ist zur natürlichen Pulsation zurückzukehren. Das wird aber die Aufgabe der Zukunft sein. Dazu müssen wir unseren Körper wieder in Ordnung bringen und sexuelle Aufklärung leisten wie Neurosenbildung sich verhindern lässt.

SoHM: Wenn Wilhelm Reich nun auf Wolke sieben mit einer E-Gitarre säße, „Luja” sänge und von Gott die Aufgabe bekäme das Gesundheitssystem zu revolutionieren – was wären deiner Meinung nach dann seine ersten Amtshandlungen?

J.T.: Das wäre einfach. Reichs Lehre gehört an die Universitäten. Sexualökonomie in ihrer ganzen Fülle müsste gelehrt werden. Letztlich ihre Erweiterung oder Vervollständigung – die Orgonomie. Sexualökonomie gehört auch in die Schulen. Teile der Orgontherapie könnten als Orgontraining im Sportunterricht großen Nutzen bringen, so wie die Babymassage es jetzt schon bei Neugeborenen tut.

Dies unterliegt allerdings den Kultusministerien der Länder, aber auch der Bundesregierung, die die bioenergetische Orgonmedizin endlich per Gesetz in unser Gesellschaftssystem einbringen müsste. Zudem müsste es ein Gesetz geben, das das bioenergetische Aufwachsen der Kinder schützt. Das gehört eigentlich zu den Grundrechten auf Unversehrtheit (Grundgesetz). Dass Kinder nicht mehr geschlagen werden dürfen, nützt alleine nichts. Eltern müssten geschult werden wie ihre Kinder bioenergetisch (orgonotisch) gesund bleiben. Wir wissen genau, was getan werden müsste. Letztlich müssen die Menschen zur Gesundheit zurückfinden und diese dann sichern.

SoHM: Warum ist die Orgasmusfrage bei Reich eigentlich so wichtig?

J.T.: Die Funktion des Orgasmus war Reichs erstes Buch (1927). Seine Neurosenforschung zeigte, dass Neurosen sich besserten bzw. auflösten, wenn seine Patienten eine befriedigte Sexualität entwickelten. Neurotische Stauungen (Symptome) waren Stauungen sexueller Energie. Nach einer Studie, die ich vor einigen Jahren in Berlin las, bekamen 96% der Frauen keinen Orgasmus. Das fand ich schockierend. Reich kreierte den Begriff „Genitaler Charakter“. Er meinte damit den orgasmusfähigen Menschen. Orgasmusfähige Menschen sind soziale Menschen. Beim tiefen Ausatmen spürt man am Genital ein leichtes Glücksgefühl. Solche Menschen sind sehr daran interessiert allgemein gebefreudig zu sein. Umgekehrt ist es beim neurotischen Charakter. Er ist gehemmt und unglücklich. Sein Ziel ist es im Leben zu nehmen, mehr und mehr. Trotzdem macht es ihn nicht glücklich. Er ist im weitesten Sinne impotent und frigide. Um das zu vermeiden, ist das gesunde Aufwachsen der Kinder so wichtig. Neurosen bilden sich im Alter bis zum 5. Lebensjahr und werden ab dem Pubertätsalter reaktiviert. Wo ein gesundes Aufwachsen nicht möglich war, kann später mit einer Orgasmusreflextherapie (Orgontherapie) evtl. Abhilfe geschaffen werden.

SoHM: Warum ist die natürliche Sexualität eine so sensible Angelegenheit?

J.T.: Die Sexualität führt ins innere Selbst, zum Zentrum des Seins. Der Orgasmusreflex (schnelle Folge von Kontraktion und Expansion des Protoplasmas) macht Angst. Reich nannte das Fallangst und konnte es schon bei Babys feststellen, die man falsch behandelte. Über Sexualität redet man nicht gerne. Das Großhirn, das Selbst, hat hier zum vegetativen Nervensystem ein konkurrierendes Verhältnis. Das Selbst kann persönliche Schwäche nicht gut vertragen. Im Orgasmus löst sich das Selbst für kurze Zeit auf. Der Orgasmus ist sozusagen „selbstlos“. Vielleicht ist deshalb das Verhältnis zum Sex ambivalent. Wenn man gesund ist, kann man diesen Widerspruch gut und glatt überwinden. Der Sex wird zumindest von Neurotikern als prinzipiell schmutzig empfunden. Lust gilt als unsauber, vor allem dass der Mensch sich im Sex nicht kontrollieren kann, ist peinlich. Schuld an allem ist der Sex selbst und vor allem die Kirche stellt den Sex als Verführung des Teufels dar, oder genauer, der Sex ist der Teufel selbst. Dementsprechend gibt es im Bereich Gottes keinen Sex, nur jungfräuliche Empfängnis. Im Orgasmus wird der Körper von einer durchdringenden Welle erfasst, ausgelöst durch den Orgasmusreflex. Er ist zudem wie ein fließender Fluss, der alles reinigt und erfrischt. Mangelnder Sex führt zu energetischer Stauung und dementsprechenden psychischen und somatischen Krankheitserscheinungen.

SoHM: Kannst du etwas über das Orgon selbst sagen?

J.T.: Nach Reich hat Orgon keine Masse. Es durchdringt alles. Es wäre nach alter Auffassung das zentrale 5. Element, es korrespondiert mit den anderen vier Elementen: Erde, Wasser, Feuer und Luft. Orgon hat darin eine zentrale Stellung. Aber die charakterliche Panzerung gegen den Orgasmus dämpft diese Funktion, sodass es dazu führt, dass der Körper ein Orgonungleichgewicht erhält. Wir haben also eine Unterladung bei gleichzeitiger Stauung. Das klingt zwar unlogisch, ist aber so. Es liegt an der fehlenden Zirkulation. Ein Teil ist überladen, der andere unterladen, dazu kommt die DOR-Funktion.

SoHM: Du erwähntest die so genannte DOR-Funktion (Deadly Orgone Radiation-Funktion)? Was bedeutet das genau?

J.T.: Was den Körper betrifft, so hat das Orgon die Tendenz sich bei behinderter Bewegung in DOR zu verwandeln. DOR ist schwerfällig und macht den Körper träge und unsensibel, den Geist dumm. Zudem kann sich Orgon durch Aufreizung oder Behinderung in DOR verwandeln. Nach Reich entwickelt es sich im Körper durch die Muskelpanzerung, die chronische Anspannung (Sympathikotonie). DOR befindet sich in den Geweben und behindert die Orgonfunktion, auch in der Therapie. Reich postulierte eine DOR-Krankheit. Die kann von Kopfschmerzen bis zu Durchfall führen. In den 50er Jahren entwickelte Reich ein Gerät, das er „Medical DOR-Buster“ nannte. Der Buster hat so etwas wie einen großen Bruder, der bekannter ist. Das ist der Cloudbuster, mit dem man DOR aus der Atmosphäre entfernt (nicht zu verwechseln mit dem Chembuster). Ich habe mit beiden originalen Geräten gearbeitet und weiß, dass sie funktionieren, wenn sie richtig gebaut sind. Die Medizin und Meteorologie sind heute noch weit entfernt davon diese Funktionen zu erkennen. Man kann das Orgon wieder zum Zirkulieren bringen. Man kann auch den Körper zusätzlich mit Orgon anreichern (Orgonakkumulator oder Orgondecke). Diese Dinge (Orgasmusreflex, Orgon und DOR) fehlen in den neoreichianischen Therapien.

SoHM: Was ist unter „emotioneller Pest“ genau zu verstehen?

J.T.: Die emotionelle Pest ist ein Terminus von Reich, der die Ausbreitung neurotischer Inhalte ins Soziale beschreibt, mit einer Besonderheit: Der „Pestkranke“ verfolgt die Gesundheit. Er hasst sie. Er ist ein Moralist und organisiert sich gerne in sozialen Zirkeln, um auf die Gesundheit schädlichen Einfluss zu nehmen. Sein Problem ist, dass die Gesundheit ihn provoziert, da er weiß, dass er niemals so leben kann. Das quält ihn und deshalb verfolgt er Menschen, die frei sind. Oft sucht er sich Opfer, Einzelgänger, die auffallen oder isoliert sind oder Träger von Ideen, die angreifbar sind. Der Prozess gegen Reich und die Orgonomie war ein Paradebeispiel, wie diese Pest die Freiheit bekämpft. Zu diesem Zweck tun sich unterschiedlichste entgegengesetzte Gruppen zusammen, politische Gruppierungen, wissenschaftliche Institutionen, Justiz und auch Zeitungsredaktionen mit einem Ziel: Das Wild der Freiheit zu jagen und zu erlegen. Während der normale Neurotiker sich ängstlich verbirgt, bläst die Pest zur Verfolgung. In ihrem Wesen ist die Pest jedoch feige und verlogen. Trotzdem kann sie großen Schaden anrichten, wie der Faschismus des 20. Jahrhunderts es zeigte. Die Stalin-Ära gehört auch dazu. Ebenso die Hexenverfolgung im Mittelalter war durch die Pest motiviert. Jesus wurde Opfer der emotionellen Pest. Jeder, der Menschen helfen will, läuft Gefahr, Opfer der Pest zu werden. Auch in unserer Zeit gibt es die emotionelle Pest, die nichts mehr hasst als Freiheit und das natürliche Liebesglück.

Seit Reich ist diese Pest identifiziert und deshalb heute leichter zu erkennen. Sie wird die große Herausforderung für die Zukunft werden. In den USA hat man in den 1950er Jahren versucht, das ganze schriftliche Werk Reichs zu vernichten, bis einschließlich der Schriften aus der Zeit der Psychoanalyse. Es gab nicht nur eine, sondern es gab vier Bücherverbrennungen in den USA. Trotzdem ließ sich das Werk von Reich nicht ausrotten. Der Verlag Kiepenheuer und Witsch verlegte ab 1971 das Spätwerk Reichs in Deutschland. Es enthält die Charakteranalyse 1942 mit dem Kapitel „Die emotionelle Pest“. Leider gibt der Verlag ein zweites Buch über die emotionelle Pest nicht heraus, möglicherweise, weil er die Rechte daran nicht hat. Es handelt sich um den „Christusmord“, ein ganzes Buch über die emotionelle Pest. In der Charakteranalyse gibt Reich einen Ausblick: Die neue Welt muss langsam aus der alten herauswachsen. Gesunde Menschen, nicht manische Weltverbesserer, kreieren durch die natürliche Arbeitsdemokratie, und nicht durch Machtpolitik eine neue Welt. „Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Daseins; sie sollen uns auch regieren“. Das war Reichs Leitspruch. Mein Verhältnis zu Reich ist eine Liebesgeschichte, eine Liebe für ein ganzes Leben.

SoHM: Im Internet ist hier und da zu lesen, dass Cloud- oder Chembuster vor Chemtrails und/oder Mobilfunkstrahlung schützen sollen. Würdest du – für Laien – vorweg noch kurz erläutern, was unter einem Cloud- bzw. Chembuster zu verstehen ist und dann, wie deine Meinung dazu mit Blick auf Chemtrails und Mobilfunk ist?

J.T.: Zunächst muss ich einmal anmerken, dass Orgon ein Begriff von Wilhelm Reich ist. Er entwickelte ihn aus dem Wort Orgasmus, der im Organismus stattfindet. Die Basis dafür ist die Forschung der Sexualökonomie. Jeder in der Orgonomie Arbeitende sollte eine Orgontherapie durchlaufen haben, um seine bioenergetische Gesundheit unter Beweis zu stellen. So habe ich das auch gemacht. Dem gegenüber gibt es Gruppen, die dem Orgon nur seine Energetik entnommen haben, meist ergänzt durch Esoterik. Dieses Orgon hat mit Reichs Orgon nicht viel gemeinsam; Reichs Begriff des Orgons ist nicht geschützt. Wie ich an anderer Stelle einmal sagte, man könnte auch eine rote Rübe Orgonrübe nennen und ihr energetische Wirkungen zuschreiben.

Cloudbusting, Reichs Wettermeteorologie, ist eine ausgefeilte Methode, die auf Bewegung (nicht Stillstand) von Metallröhren und dem Einsatz von Wasser basiert. Chemtrails werden ebenfalls mit esoterischen Cloudbustern in Verbindung gebracht. Chemtrails sind Rückstände, die entstehen, wenn man den Himmel einsprüht, um auf die Erderwärmung Einfluss zu nehmen. Meines Wissens war das einmal (oder ist auch noch) ein Forschungsprojekt. Das gab es auch in Deutschland. Aber die Meinungen darüber sind so ins Extreme ausgeufert, dass das heute fast eine Verschwörungstheorie ist, die zum Inhalt hat, dass man uns flächendeckend vergiften will. Das glaube ich nicht. Aber man bekommt kaum Informationen aus Regierungsstellen. Das ist natürlich zu tadeln. Tatsächlich ziehen Giftstoffe mit der Orgonhülle um die ganze Welt und beeinträchtigen das Wohlbefinden. Ich habe meinerseits versucht die Grüne Partei auf die Möglichkeit der atmosphärischen Entgiftung durch Cloudbusting hinzuweisen, jedoch ohne Erfolg. Die interessieren sich überhaupt nicht dafür, somit auch nicht für eine Förderung. Als ehemaliges Mitglied der Grünen übergab ich den Sprechern (Vorstand) ein Papier[2] darüber, das ich vorher der Umweltministerin von NRW Bärbel Höhn geschickt hatte. Die war damit überfordert und schickte es an die Bundestagsfraktion, die sich schon gar nicht dafür interessierte.

Cloudbusting kann, wenn es greift, sehr gefährlich sein, zu Stürmen, Hurrikans etc. führen. Bei den Überschwemmungen in Deutschland (Oderbruch etc.) war ich jedes Mal erleichtert, weil ich wusste, dass ich zu dieser Zeit kein Cloudbusting gemacht hatte. Was den Mobilfunk betrifft: Ich habe darüber überhaupt keine Erkenntnisse. Allgemein kann man sagen, dass hoch- wie niederfrequente Strahlung sich nicht gut mit Orgonenergie verträgt. Überreizte Orgonenergie verwandelt sich in DOR (Deadly Orgone Radiation). Das wirkt drückend, stickig, man bekommt schlecht Luft, Glieder schwellen an und es gibt so etwas, das man DOR-Krankheit nennt. DOR bildet sich schnell, wenn die Temperatur extrem zunimmt. Wir haben DOR in den Wüsten und wo DOR ist, ist die Sicht schlecht. Man bezeichnet das als Dunstschleier.

Dort, wo man Orgon nicht objektiv messen kann, ist man auf subjektive Eindrücke angewiesen. Ich habe in Berlin einen 20-doppelschichtigen Orgonakkumulator. Das ist extrem stark. Er steht in Berlin Mitte. Mobilfunkantennen in Sichtweite. Die Räume des Instituts besitzen eine To-T Messanlage. Die Messergebnisse sind gut und auch subjektiv fühlt sich der Orgonakkumulator gut an. Unsere Akkumulatoren sind so gebaut, dass sich DOR darin nicht gut entwickeln kann.

SoHM: 1933 erschien Reichs Werk „Massenpsychologie des Faschismus”, ein Werk, das an Aktualität nichts eingebüßt hat, denn faschistische Strukturen begegnen uns heute noch in vielen Bereichen – auf der Weltbühne, aber auch im kleineren gesellschaftlichen Rahmen oder sogar in Familien. Reich durchschaute beizeiten den fundamentalen Zusammenhang zwischen autoritärer Triebunterdrückung und faschistischer Ideologie. Er stellt darin die These auf, dass eine Überwindung des Faschismus nur möglich ist durch eine rationale Neuregelung der Sexualökonomie der Gesellschaft. Würdest du, so prägnant wie möglich, erläutern, was Reich mit Sexualökonomie meinte und wo – nach Reich – der Zusammenhang zum Faschismus zu sehen ist?

J.T.: Das Wort Faschismus kommt aus dem Italienischen und leitet sich vom Wort „Facio“ ab, was soviel wie „Bund“ bedeutet. Er entstand um 1922 und war die Antwort von Benito Mussolini auf den Parlamentarismus, eine autoritäre Bewegung mit einem autoritären Führer. Bekannt wurde der Begriff Faschismus durch Adolf Hitlers NSDAP, der allgemeinen Hitler-Herrschaft über Deutschland von 1933 bis 1945. 1933 erschien die Massenpsychologie des Faschismus von Wilhelm Reich. Reich entdeckte bereits in den 20er Jahren, als er noch Assistent bei Sigmund Freud war, dass Neurosen keine individuelle Krankheit waren, sondern eine Erkrankung, der gesellschaftliche Produktions- und Kulturprozesse zu Grunde lagen. Wie es bis dahin kam, ist eine lange Geschichte. Ihr Kern ist jedoch, wie bereits erwähnt wurde, dass der Mensch verunselbstständigt wurde, um von höheren Mächten der Politik gelenkt zu werden. Speziell die Freiheit der Sexualität wurde eingeengt und der Mensch dadurch unfrei, ängstlich und neurotisch in Form von Angstsyndromen mit einer entsprechenden Kultur als Überbau, die bürgerliche bzw. proletarische Gesellschaftsform. Wollte man die Neurose nicht nur als individuelle Krankheit sehen, musste man die Gesellschaft verändern und die Mechanismen der Unterdrückung verändern. Die Partei, die sich eine Gesellschaftsveränderung auf die Fahnen geschrieben hatte, war zur damaligen Zeit die KPD (Deutsche Kommunistische Partei). Keiner ahnte damals, was die Stalinisten aus dem Dialektischen Materialismus von Marx und Engels machen würden. Reich übersiedelte Anfang der 30er Jahre von Wien nach Berlin und arbeitete in der KP als sexualökonomischer Arzt.

Politisch schwenkten die Massen aber nicht nach links, was sie nach der marxistischen Lehre eigentlich hätten tun müssen, sondern sie liefen mit glühenden Fahnen den Faschisten hinterher. Nicht nur das, es entbrannte ein emotioneller Rausch: Heil! Heil! Heil! Das war in der marxistischen Soziologie nicht vorgesehen. Wo lag das Problem? Reich entdeckte, dass die KP sich nur um politisch-ökonomische Fakten gekümmert hatte, nicht aber um das emotionelle Potential der Menschen. Die KP hatte tatsächlich den emotionellen Faktor übersehen, der Hitler die Menschen in die Arme trieb. Um die Sache noch klarer zu machen: Die Menschen verstehen sich in erster Linie emotionell, d.h. sie wollen glücklich sein. Hunger und Ökonomie sind dem untergeordnet. Interessanterweise waren Mussolini wie auch Göbbels ursprünglich links orientiert, bevor sie zum Faschismus wechselten. Sie hatten verstanden, dass ein kalter Intellektualismus niemals die Herzen der Menschen erobern würde und so war es dann ja auch. Die politische Lage zu Reichs Zeiten war, dass man entweder nach rechts ging oder nach links. Der Faschismus, der die emotionelle Bösartigkeit der Menschen politisch frei setzte, war neu und für die, die sich als Arier fühlten, enorm befreiend.

Die 1. Auflage der Massenpsychologie prangerte den Fehler der KP an, dass die KP überhaupt keine Ahnung von Psychologie hatte. Man kann sich vorstellen, dass die Partei darüber nicht begeistert war. Es war aber üblich, dass Manuskripte erst einmal der KP der Sowjetunion vorzulegen waren. Das Ergebnis war, dass es keine Reaktion aus Moskau gab. Nie.

Als Hitler die Macht gewann, verließ Reich Berlin und lebte zunächst in Dänemark. Dort gab er seine Massenpsychologie im eigenen Sexpolverlag heraus. Kommunistische Politiker mochten die Psychoanalyse Reichs nicht und die Psychoanalytiker mochten die politischen Konsequenzen nicht, die Reich daraus zog. So wurde Reich 1934 aus der Psychoanalytischen Vereinigung sowie aus der KPD ausgeschlossen. Beides hatte er nicht gewollt. Ab diesem Punkt begann Reichs Eigenständigkeit, die Reich korrekterweise zunächst Sexualökonomie nannte, nach der Entdeckung der Orgonstrahlung Orgonomie. Was war nun der Kern der Massenpsychologie? Basierend auf seiner psychoanalytischen Arbeit entdeckte Reich, dass die Freiheit, der aufrechte Gang, darauf basierte, dass die Menschen eine Entwicklung durchlaufen konnten, die ihnen ein ungehemmtes Sexualleben garantierte.

Tatsächlich ist es in unserer bürgerlichen Kultur so, dass die Kinder in ihrer Entwicklung (energiegleich psychisch) Blockierungen entwickeln. Das betrifft den okulären, oralen, analen und genitalen Bereich (nachzulesen in meinem Artikel „Wilhelm Reich und die Entwicklung der kindlichen Sexualität“. [3]

Der so deformierte Mensch ist durch diese Blockierung unfrei, gehemmt, nicht voll genussfähig und autoritätshörig eben, ein neurotischer Mensch! Adolf Hitler hatte einen äußerst autoritären Vater. Seine Mutter war stark anal, d.h. äußerst sauberkeitsbewusst. Der Hausarzt der Hitlers sagte später aus, dass man im Hause Hitlers nirgends Staub auf den üblichen Stellen finden konnte. Nun ist es aber so, dass der, nennen wir ihn mal Saubermann, im Wesen gar nicht so sauber ist. Den unsauberen Teil seiner Persönlichkeitsstruktur hat er abgespalten und anderen zugedacht, nämlich seinen Feinden, die sind unsauber, genetisch unterentwickelt, schädliche Menschen, die man ausrotten muss. Für Hitler boten sich da die Juden an. Die emotionell unterdrückten Menschen hatten jetzt ihr Feindbild, an dem man sich gnadenlos ausleben durfte. Dieses Muster ist bis heute nicht durchbrochen. Schon damals, 1933, sagte Reich, dass der Faschismus nicht nur eine Eigenart der Deutschen sei. In der um das Doppelte erweiterten neuen Herausgabe von 1942 äußert er sich so, dass der Faschismus die allgemeine Struktur des heutigen Menschen sei. Er nannte das eben die schon erwähnte „emotionelle Pest“ (nachzulesen in Reich Massenpsychologie 1942). Wie recht er damit hatte, zeigt sich heute, wo auch wieder gnadenlos im Namen irgendeiner Ideologie flächendeckend gemordet wird. In der Neuauflage der Massenpsychologie kritisiert Reich sich selbst, dass nämlich kein politischer Slogan der Erstauflage 1933, den er übernahm, über die Zeit Stand gehalten hätte. Es waren Slogans aus dem Kommunismus, nicht aus der Sexualökonomie. Er erlebte nicht mehr den Niedergang des Kommunismus nach historisch kurzen 72 Jahren. Die Alternative, der Stalinismus, hatte nur noch härtere autoritäre Strukturen hervorgebracht. Hier wurde der Faschismus in seiner roten Form weitergeführt.

In seiner Neuauflage skizziert Reich im Vorwort das „3-Schichten Modell“ des Menschen. Normalerweise würden sich die biologischen Impulse vom Inneren zur Oberfläche bewegen. Das wird durch eine mittlere Schicht blockiert: Diese Schicht ist isolierte Frustration, das eigens kreierte BÖSE, mit anderen Worten, der Faschismus in uns. Reich warnt seine Leser dem Freiheitshausierer zu folgen, der aus manischen Gründen aus der Wahrheit einen Köder macht. Er verspricht Befreiung ohne die Grundlagen zu verstehen. Heilslösungsversprechen gehören nicht auf den Marktplatz der Politik. Orgastisch potente Menschen sind Arbeitsdemokraten. Sie brauchen keine politischen Verführer! Sie sind selbstständig und organisieren ihr Leben selbst, ohne andere in eine Falle locken zu wollen, deren Führer sie dann sind. Sie machen Menschen nicht heiß. Die Pflege Wilhelm Reichs und seiner orgastischen Entpanzerung hat sich das OrgonInstitut zur Aufgabe gemacht. Wir versuchen dort anzusetzen, wo Reich aufgehört hat und führen so seine Arbeit fort.

SoHM: Aus deiner Antwort könnte man schließen, dass es da durchaus eine gemeinsame Schnittmenge zwischen Reichs Sichtweisen und der Herangehensweise der heute zunehmend populärer werdenden Bindungspsychologie gibt?

J.T.: Bindung gehört in die symbiotische Phase (bis 2 Jahre), also wo das Baby die Mutter stark braucht (Orgonenergiebrücken). Funktioniert die Bindung, können diese Menschen sich später auch gut binden, bzw. verbinden. All das ist eine Sache von Kontakt bzw. Kontaktlosigkeit (einer bioenergetischen Störung).

SoHM: An deinem Institut kann man im Fernstudium Orgonomie studieren. Mal ganz doof gefragt – was kann man mit dem Studium eigentlich anfangen?

J.T.: Wie gesagt, das Studium war der Versuch Reich wieder an eine Universität zu bringen. Den Zugang, um in der Biologie, Meteorologie, Physik und Chemie orgonomisch zu arbeiten, musste man selber entwickeln. Es gibt da noch keine fertigen Institutionen. Der Boden ist dafür noch nicht da. Insofern ist so ein Studium vielleicht heute zu früh. Orgonomie ist, wie Reich sagte, eine neu entdeckte Küste, die erst noch besiedelt werden müsste. Sobald die Menschen dazu bereit sind, kann diese Arbeit beginnen. So lange ist das Studium vielleicht nur interessant, wenn man psychologisch arbeiten will. Ein Vertrag mit der kanadischen Hochschule ist inzwischen beendet. Eine neue Hochschule, bei der man Bachelor und Masterabschlüsse machen kann, kommt vielleicht in Zukunft. Wir werden das dann bekannt geben.

SoHM: Wie hat sich die Nachfrage nach dieser Ausbildung in den letzten Jahren entwickelt?

J.T.: Das Interesse war verhalten. Meist waren es Interessenten, die aus alternativen Gründen Interesse an der Orgonomie hatten. Keiner kam aus einem naturwissenschaftlichen Fach. Die haben aber gute Arbeiten bei mir geschrieben! Heute lernen das eher Leute, die im therapeutischen Bereich tätig sind. Aber gerade die müssen bei mir die ganze Sexualökonomie lernen. Also wenn schon, denn schon. Viele Neoreichianer sind heute weder orgasmusorientiert, noch verstehen sie die Orgonfunktion. Das ist tragisch.

SoHM: Du vertreibst Orgon-Akkumulatoren, Orgondecken und -kissen. Kannst du erläutern, wie sich deren Wirkung erfahren lässt und was man unmittelbar davon hat, sich beispielsweise mit einer Orgondecke zuzudecken?

J.T.: Es gibt leider hier in Deutschland ein Gesetz, das den Wettbewerb regelt und das sieht so aus, dass ich als Hersteller von Orgongeräten nicht über die Wirkung berichten darf. Ich darf das nicht unter Androhung von Strafe. Nach behördlicher Ansicht ist der Orgonakkumulator lediglich eine Kiste, die mit Metall ausgeschlagen ist. Leider hat das Amtsgericht Köln das auch so gesehen und Psiram als Experten gewertet. Es gibt nur zwei Personen in der Welt, die ein solches Orgonakkumulatorgerichtsverbot haben. Der eine ist Reich, der andere bin ich. Erst wenn ich die Geräte nicht mehr bauen würde, dürfte ich darüber berichten. Deshalb findet man auf meiner Homepage keine Berichte von Kunden, die ich liebend gerne posten würde. Die sind nämlich schon beeindruckend. Ich persönlich kann sagen, dass ich mich in einem Orgonakkumulator äußerst wohl fühle, so sehr, dass ich ihn, wenn ich erst einmal drin bin, gar nicht mehr verlassen möchte. Mehr darf ich leider nicht sagen, obwohl ich darüber ein Buch schreiben könnte und natürlich ist der Akkumulator keine Kiste, die mit Metall ausgeschlagen ist. Aber mit Gerichten zu streiten ist teuer, zu teuer für mich. Um mein Recht in diesem Land zu bekommen, bin ich nicht reich genug. Wenn man sich über den Orgonakkumulator informieren will, sollte man Reichs Buch „Die Entdeckung des Orgons 2 – Der Krebs“ lesen (Verlag KiWi, Köln)

SoHM: Wir danken dir sehr für das ausführliche Gespräch!

 

[1]            http://www.berndsenf.de/pdf/emotion6Triebunterdrueckung.pdf

[2]            http://joachim-trettin.homepage.t-online.de/green.htm

[3]            http://www.orgonpraxis.de/art1.htm

 

Wilhelm Reichs Erbe
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