Autorin: Beate Wiemers

„In Wirklichkeit sind wir lebende Resultate unserer Geburtsdramen und tragen im Körpergedächtnis und in unseren Lebensstilen die Spuren dieses Urereignisses“, sagt Peter Sloterdijk. Mit dieser Aussage fasst der Philosoph mit nur wenigen Worten zusammen, wie elementar wichtig die Auseinandersetzung damit ist, wie wir heute mit Themen rund um Schwangerschaft und Geburt umgehen. Welche Konsequenzen es hat, wenn wir dies vermeiden, erleben wir täglich mit Blick auf viele Ereignisse in unserem näheren und weiteren Umfeld und auf die Welt an sich.

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Die Bindungspsychologie, die auch schon prä-, peri- und postnatale Einflüsse untersucht, ist noch ein vergleichsweise junges Forschungsgebiet. Wenngleich der Eindruck entstehen könnte, das Thema ist in erster Linie nur für Menschen interessant, die Kinder wollen oder haben, berühren die Erkenntnisse aus diesen Bereichen auch in starkem Maße gesellschaftliche und gesundheitspolitische Belange und Entwicklungen. Sind wir als Erwachsene besonders anfällig für Stress, bestimmte Erkrankungen oder neigen wir unser Leben lang zu selbstzerstörerischem Verhalten, können die Ursachen dafür in traumatischen Erlebnissen aus unserer pränatalen Entwicklungsphase stammen oder mit einer als traumatisierend erlebten Geburt zu tun haben. Erfahrungen dieser Art sind dann im Körpergedächtnis gespeichert und hindern uns daran unser volles Potenzial zu leben.

Das embryonale Erleben und die Qualität der frühkindlichen Bindung sind, so weiß man heute, entscheidend für das Heranreifen zu integren und authentisch lebenden Erwachsenen, die handlungsbereit und -fähig sind. Letzteres ist eine Voraussetzung für eine gelingende Demokratie. Wie hoch der Bedarf an Informationen aus diesen Zweigen der Psychologie ist, zeigen die Nachrichten aus aller Welt über faschistische Auswüchse des menschlichen Miteinanders nahezu stündlich. Für ein Umdenken in Ethik, Ökonomie und Politik ist die Auseinandersetzung mit dem, was unser Menschwerden emotional elementar beeinflusst, daher unerlässlich.

Die Pränatal- und die Bindungspsychologie bieten dabei entscheidende Quellen des Verständnisses hin zu einer Gesellschaft, in der Individuen lernen können wieder in Kontakt zu sich selbst und somit auch zu anderen zu kommen. Die Familie war und ist auch noch heute das „Zellsystem“ innerhalb einer Gemeinschaft, in der Grundsteine für ein Missglücken oder ein Gelingen emotionaler Kompetenz und letztendlich der eigenen Lebens- und Liebesfähigkeit gelegt werden.

 Die Gebärmutter als Mikrokosmos im Makrokosmos

 Wie geschützt ist ein Kind im Mutterleib? Hat die Atmosphäre in der Familie bereits Einfluss auf das ungeborene Kind? Wirkt sich Stress, den die Eltern haben, schon irgendwie auf das heranwachsende Wesen aus? Die Pränatalpsychologie und auch manche spirituelle und alternativmedizinische Herangehensweisen lassen den Schluss zu, dass das Kind schon ab der Konzeption oder kurze Zeit danach „alles mitkriegt“.

Das Elternwerden gehört zu den größten Lebensveränderungen von Frauen und Männern, einhergehend mit eigenen Lösungsprozessen von den Eltern. Man entwächst dem Tochtersein, indem man zur Mutter wird und dem Sohnsein, indem man zum Vater wird. Wer in irgendeinem öffentlichen Gewässer Fische fangen will, muss einen Angelschein beantragen. Wer mit einem Boot in See stechen will, braucht ebenfalls eine Zulassung. Nur das Elternwerden erfordert behördlicherseits keine offizielle Legitimation und das ist eigentlich auch gut so, mischen sich die „Regulierungsinstanzen“ der Bürokratie schließlich schon mehr als genug in die Privatsphäre von Bürger/innen ein. Im Biologieunterricht beschränkt man sich in Sachen Zeugung, Schwangerschaft und Geburt nur auf die biologischen Abläufe und zum Sinn oder Unsinn der „modernen“ Tendenz, den Nachwuchs schon in Kindergarten und Grundschule in Sachen „Sexualkunde aufzuklären“, scheiden sich die Geister.

In Geburtsvorbereitungskursen wird das Wissen um die große Relevanz der pränatalen Reifung des Menschen in der Regel auch nicht thematisiert. Wie sensibel bereits das ungeborene Kind auf Einflüsse reagiert, ist vielen somit nicht bekannt. Hier besteht noch eine Menge Informationsbedarf für all jene, die sich von Anfang an ganz bewusst auf das Elternsein vorbereiten möchten sowie auch für jene, in deren Umfeld werdende Eltern sind – sei es in der Familie oder im Freundes- odes Bekanntenkreis, denn die gesamte Umgebung der Schwangeren trägt ein gewisses Maß an Mitverantwortung für deren Wohlergehen. „In unserer Gesellschaft gibt es seit vielen Jahren eine öffentliche Debatte über selbstbestimmtes Sterben und über den ärztlich begleiteten Suizid. Eine Debatte über den Anfang unseres Lebens in utero und eine selbstbestimmte Geburt fehlt“, schreibt Gunhild Knöbl in einem ihrer lesenswerten Beiträge zum Thema, zu finden auf der Website von Ludwig Janus[1]. Obwohl sich das Bewusstsein rund um Schwangerschaft und Geburt seit etwa den 1970er Jahren schon verändert habe, gehörten bei Geburten auch heute noch der Einsatz von Hilfsmitteln, darunter Wehentropf, Anästhetika, Dammschnitt, Forceps, Saugglocke und Kaiserschnitt zum Alltag in den Kreißsälen, so Knöbl, heilpädagogische Kinderpflegerin und Geburtsvorbereiterin, die sich intensiv mit Pränatalpsychologie und der Bedeutung positiver Bindungserfahrungen beschäftigt hat.

Neben unterschiedlichen Gründen, die bereits während der Schwangerschaft für Stress sorgen, wie etwa Familienstreitigkeiten oder andere Konflikte, denen die Mutter ausgesetzt ist, können auch Narkosen, Medikamente, künstliche Geburtseinleitungen und chirurgische Interventionen Gründe für Trauma- oder Schockerfahrungen sein.

„Vorgeburtliche Erlebensvorgänge und ihre lebensgeschichtlichen Fortwirkungen sind in den einzelnen Kulturkreisen unterschiedlich dargestellt und verarbeitet worden (…). Insbesondere in den mythenhaften Erzählungen zur Plazenta als einem Bruder, Hilfsgeist und Kraftquell drückt sich konkrete pränatale Urerfahrung aus (…). Neben dieser mythenhaft-religiösen und rituellen Wurzel im Urwissen von pränataler Erfahrung bzw. einer Umsetzung dieser Urerfahrung in die kulturellen Gestaltungen, gab es auch immer ein mehr oder weniger ausgebildetes Wissen über ein Seelenleben des Ungeborenen. Besonders in Indien gibt es Traditionen zur Pflege der embryonalen Seele des werdenden Kindes“, schreibt Dr. Ludwig Janus[2] in seinem Buch „Wie die Seele entsteht – Unser psychisches Leben vor und nach der Geburt“.

Ludwig Janus ist einer der gegenwärtig führenden Psychologen auf dem Gebiet der vorgeburtlichen Entwicklung der Seele. Die Erkenntnis, dass die Qualität der Bindung zwischen Mutter und Kind beziehungsweise zwischen Mutter, Vater und Kind eine entscheidene Rolle spielt, teilt er mit den amerikanischen Psychologen Karlton Terry[3] und William Emerson[4] sowie mit dem Schweizer Franz Renggli, um nur einige zu nennen.

Kontakt von Anfang an

Pränatalpsychologen sind der Ansicht, dass die werdende Mutter bereits im gesamten Verlauf der Schwangerschaft Kontakt mit ihrem Kind aufnehmen kann und sollte; entsprechend kann auch der Vater schon in dieser Phase Anteil nehmen und die Bindung zum Kind etablieren. Die Geburten von Kindern, deren Mütter sich auf diese Weise vorbereitet haben, verlaufen erfahrungsgemäß leichter. Doch oftmals sind werdende Mütter selbst gar nicht in der Lage „haltefähig“ zu sein. Inwieweit Mütter und Väter emotionale Geborgenheit von Anfang an vermitteln können, hängt sehr mit ihrer eigenen Biografie zusammen.

Und noch immer existieren viele Dogmen, wie beispielsweise Frauen während der Schwangerschaft sein sollten, wie sie mit ihrem Kind umgehen sollten und wie sich Väter zu verhalten haben. Vielen werdenden Eltern, insbesondere den Frauen, werden durch die Erwartungshaltung aus dem Umfeld bereits Hürden in den Weg gestellt, insbesondere dann, wenn sie natürlich gebären wollen. Ein signifikantes Merkmal einer Gesellschaft, die vom Mutter-Sein an sich abgespalten ist, zeigt sich unter anderem in den vielen Reglementierungen, die besonders auch die Berufsgruppe der Hebammen auf existenzielle Weise immer mehr betrifft. Der Gebärprozess soll kontrolliert und in die Hände von Technologien – und zumeist Männern – gelegt werden. Eine Schwangere steht heute schon mehr oder weniger unter Generalverdacht und muss sich einer Vielzahl an „Präventivmaßnahmen“ unterziehen. Diese mögen teilweise aus medizinischer Sicht gerechtfertigt sein, beeinflussen Frauen aber auch darin ihrer eigenen Intuition zu misstrauen und Autoritäten außerhalb von sich selbst die Verantwortung zu überlassen. Werdende Eltern, besonders Mütter, brauchen ein Helfersystem, zumal dann, wenn sie selbst unsicher, psychisch instabil und nicht ausreichend geerdet sind. Menschen, ob im privaten Umfeld oder fallweise auch Fachleute, haben hier eine große Aufgabe eine Schwangere buchstäblich zu bemuttern. Das ist gerade auch dann wichtig, wenn die Schwangere aus verschiedenen Gründen nicht angemessen für sich selbst – und somit für das Kind – sorgen kann. Kontakt und Empathie sind hier die Zauberwörter.

Die Bindung zum Kind beginnt nicht erst mit der Geburt, sondern laut Pränatalpsychologen bereits ab Beginn der Schwangerschaft. Der Zugang zum eigenen Körper und die Fähigkeit sich selbst zu spüren, sind dabei wichtige Voraussetzungen und ein Maß für Selbstbestimmung und Autonomie. Das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. Durch bewussten und frühen Kontakt werden Mutter und Kind ein Team, das zusammen die Geburt meistert. Frauen müssen lernen, und sollten darin unterstützt werden, für sich und ihr Kind einen eigenen Schutzraum zu gestalten, in dem die Bedürfnisse von Mutter und Kind im Vordergrund stehen. In diesen Prozess kann auch der werdende Vater schon frühzeitig eingebunden werden. Das hilft auch ihm dabei sich schon beizeiten als Teammitglied und nicht nur als Erzeuger und späterer Versorger wahrzunehmen. Körper-, Wahrnehmungs- und Atemübungen können den Eltern dabei helfen. Vor allem aber sind die bewusste Auseinandersetzung des Paares mit sich selbst, dessen Bereitschaft sich tief emotional aufeinander einzulassen und miteinander zu wachsen, wichtige Faktoren für eine emotional tragfähige Elternschaft und die Geborgenheit des Kindes von Anfang an.

Wer sich näher mit dem Themenkreis beschäftigen möchte, findet auf www.zeitfuerbildung.at unter dem Fachgebiet „Frühe Prägungen“ einige spannende Vorträge als CD oder USB-Stick zum Bestellen.

 

Literaturtipps:

Ich bin Bewusstsein – Babys von Anfang an als ganzheitliche Wesen willkommen heißen. Ein integratives Modell frühkindlicher Entwicklung, Wendy Anne McCarty, Innenwelt-Verlag

Der Seelenraum des Ungeborenen – Pränatale Psychologie und Therapie, Ludwig Janus, Patmos-Verlag

Wie die Seele entsteht – Unser psychisches Leben vor, während und nach der Geburt, Ludwig Janus, Mattes-Verlag

Bindung beginnt vor der Geburt, Helga Levend und Ludwig Janus, Mattes-Verlag

Geburtscoaching – Geburtsbonding. „Das Kind bringt sich mit Hilfe der Mutter zur Welt“, Gunhild Knöbl, Mattes-Verlag

Als meine Seele Mensch wurde – Pränatale Psychologie und Kunst, Heike Rödel, Karlton Terry, Ludwig Janus, Mattes-Verlag

Behandlung von Geburtstraumata bei Säuglingen und Kindern: Gesammelte Vorträge, Ludwig Janus, William Emerson, Beate Diana-Herchenbach, Mattes-Verlag

Unsere Kinder brauchen uns – Die entscheidende Bedeutung der Eltern-Kind-Bindung, Gordon Neufeld, DVD, Genius-Verlag,

 

 

[1]      http://www.ludwig-janus.de/images/Knoebl/Geburtsvorbereitung.pdf

[2]      http://www.ludwig-janus.de/

[3]      http://www.ippe.info/

[4]      http://emersonbirthrx.com/

 

Über die Bedeutung von pränatalem Erleben und frühkindlicher Bindung

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