Autorin: Dagmar Neubronner

 Entwicklungspsychologische Erkenntnisse über das Kontinuum von Hochsensitivität, Hochbegabung, Aufmerksamkeitsproblemen, Asperger-Syndrom und Autismus

Spätestens seit dem Film „Rain Man“ mit Dustin Hoffmann hat sich in der Öffentlichkeit ein wenig einladendes Bild von Autisten festgesetzt: Sie sind „eigentlich“ lieb und harmlos, aber sie verhalten sich komisch, haben besondere Fähigkeiten, die ihnen jedoch nichts nützen, wollen mit Menschen nichts zu tun haben und man kann sie nicht verstehen. Doch autistische Kinder (und Erwachsene) stehen eigentlich nur an einem Ende eines kontinuierlichen Spektrums von etwas, das wir bei vielen Menschen sehr bewundern. „Was für ein sensibler Musiker!“ staunen wir, wenn jemand Nuancen hörbar macht auf die wir nie gekommen wären. Hohe Sensibilität – oder exakter Hochsensitivität – ist eine ungewöhnliche Einstellung im Gehirn: Im Vergleich zum Normalgehirn werden viel mehr Sinnesreize zur Begutachtung „vor den Thron des Bewusstseins“ geführt. Hochsensitive Menschen nehmen einfach mehr wahr.

Dagmarblauklein

Feinere Wahrnehmung

Auch die Ohren normal-sensitiver Menschen können das Gras wachsen und die Flöhe husten hören, aber solche Informationen landen mit vielen anderen im „Spam-Ordner“ des Gehirns, sie werden als unwichtig herausgefiltert und sind uns nicht bewusst. Hochsensitive Menschen hören das Gras wachsen und die Flöhe husten, und diese Geräusche werden ihnen bewusst, schön, interessant, rätselhaft, störend oder beängstigend. Ihr Gehirn filtert sie nicht heraus. Autisten sind extrem hochsensible Menschen. Die Symptome etwas weniger extrem sensitiver, aber immer noch deutlich anders wahrnehmender Menschen werden als Asperger-Syndrom zusammengefasst. Und dann gibt es die vielen Menschen, denen heute bewusst wird (siehe z.B. „Handbuch Hochsensitivität“), dass sie eine sehr feine Wahrnehmung haben (und deshalb zu hohen intellektuellen Leistungen fähig sind) und deshalb von Menschenmassen, Lärm, Elektrosmog oder anderen Alltagssituationen schneller überfordert sind als andere Leute – sie sind „normal hochsensitiv“ oder gelten als hochbegabt. Die Grenze ist natürlich fließend und im Grunde ist es auch gar nicht entscheidend Sensitivität in Kategorien einzuteilen – jeder Mensch ist ein Einzelfall und nicht einfach rundherum hochsensitiv, sondern in einer individuellen Ausprägung.

Was für das Komponieren einer Sinfonie über wachsendes Gras und hustende Flöhe ein Vorteil ist, erweist sich in vielen alltäglichen Situationen als fatal: Schon das kleine Baby mit extremer Hochsensitivität empfindet die Umweltreize als qualvoll intensiv, alles ist zu laut, zu grell, zu intensiv, selbst der Kontakt zur Mutter ist zu viel. Gleichzeitig wäre dieser Kontakt aber sehr nötig, um in dieser überwältigenden Reizfülle Geborgenheit und Halt zu finden. Noch dazu wirken autistische Kinder meist desinteressiert an menschlichen Kontakten, sie laufen nicht ihrer Mutter hinterher, suchen nicht den Augenkontakt, gehen unterwegs ständig „verloren“. Dass sie genauso viel Wärme und Nähe brauchen wie alle anderen Kindern, wenn nicht noch mehr, scheint schwer erkennbar. Doch aufgrund der vielen einströmenden Sinnesreize, die alle beachtet werden wollen, verliert das Kind das, was eigentlich am wichtigsten wäre, sehr leicht aus den Augen oder kommt gar nicht erst dazu danach zu suchen. Deswegen gehen hochsensitive Kinder so leicht verloren – Mamas roter Pullover geht unter in all den Menschen, Geräuschen, Gerüchen, Vibrationen, scheppernd hustenden Flöhen und laut tosend wachsendem Gras.

Geborgenheit vermitteln

Alle Symptome und Verhaltensweisen autistischer Kinder lassen sich viel leichter nachvollziehen, wenn diese grundlegende Tatsache klar ist. An der grundlegenden Gehirnbesonderheit in der Verarbeitung von Reizen können wir nach jetzigem Wissensstand nichts ändern – und das ist vielleicht gut so, denn wer könnte sonst Sinfonien über das Gras komponieren, Dinge malen, auf die niemand anders achtet oder Formeln berechnen, bei denen anderen Menschen schwindelt?

Was wir jedoch sehr wirksam tun können, ist, hochsensitiven Menschen bis hin zu Autisten zu helfen mit ihrer speziellen Disposition umzugehen. Wir können ihnen die Geborgenheit, die Ruhe, die Zeit und den Raum verschaffen, die sie brauchen, um sich die überlaute Welt zu ordnen. Um hochsensible Kinder und ihre Probleme zu verstehen, ist es wichtig ihre Entwicklung zu kennen und zu begreifen, wie das Gehirn ein Kind in akuten oder chronischen Überforderungssituationen zu schützen versucht. Daraus können wir wirksame Unterstützungsmaßnahmen für diese Kinder ableiten. Wie das geht, erläutert der bekannte kanadische Entwicklungspsychologe Prof. Dr. Gordon Neufeld in einem Seminar, auf das in dem Beitrag von Jule Nepp in dieser Ausgabe eingangs hingewiesen wird.

 

Sind Autisten die besseren Menschen?
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