Mit der Hand auf den Tisch hauen?

Jule Epp ist Psychologin in eigener Praxis und Mitarbeiterin von Prof. Dr. Gordon Neufeld im Neufeldinstitut. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem autistischen Sohn in Berlin und bietet ab Oktober 2016 über das Neufeldinstitut Onlinekurse zu verschiedenen Themen an, darunter auch zum Thema Autismus. Jule Epp schildert in ihrem Erfahrungsbericht ihre Sicht als Mutter und Psychologin auf Autismus.

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Prof. Dr. Gordon Neufelds Arbeit ist weltweit anerkannt, sein Buch: „Hold on to your Kids“ (deutsch „Unsere Kinder brauchen uns!“) wurde in 20 Sprachen übersetzt. Am 30. September 2016 gibt Prof. Dr. Gordon Neufeld in Berlin ein Tagesseminar zu dem Thema: „Das Kontinuum von Hochbegabung, Hochsensibilität, Asperger-Syndrom und Autismus“, am 1. Oktober 2016 über „Ängste, Zwänge und Phobien bei Kindern“, am 8. Und 9. Oktober 2016 in Zürich über „Trauma, Beziehungen und Resilienz“ sowie die Heilung von Traumata. Weitere Informationen und Anmeldungen: www.neufeldinstitute.de

Über die Ursachen für Autismus gibt es verschiedene Thesen, von Genetik über Geburtstrauma, Impfen, Toxine, Ernährung, Elektrosmog usw. Welche dieser Faktoren oder welche Kombinationen daraus es im Einzelfall auch sein mögen, die die Filterfunktion des Gehirns bei einem Kind so verändert haben, dass das Kind von “normalen” Reizen überfordert ist und sich autistisch in sich selbst verschließt: Wenn und solange das Kind in diesem neurologischen Zustand ist, braucht es unser Verständnis. Nur wenn uns klar ist, wie es sich von innen anfühlt “autistisch” zu sein, können wir ein Kind wirksam begleiten und ihm helfen mit seiner besonderen Erfahrungswelt zurecht zu kommen. Wie das geht, zeigt Jule Epps Artikel sehr anschaulich.

 

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Autismus und Emotionen

Autorin: Jule Epp

Ich weiß noch, was ich vor vielen Jahren über Autismus dachte, als junge klinische Psychologin. Das war, bevor mein autistischer Sohn zur Welt kam und bevor ich begann mit autistischen Kindern und Jugendlichen zu arbeiten.

Was ich damals dachte, unterschied sich sehr von dem Bild, das ich als Kind von Autismus hatte. Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, fühlte ich mich sehr zu dem Phänomen hingezogen. Irgendwie hörte ich einen Ruf, der wie aus dem tiefen Brunnen des Autismus kam. Ich begann alle möglichen Romane über autistische Kinder zu lesen und entwickelte romantische Fantasien darüber, wie ich sie aus dem seelischen Käfig, in dem ich sie mir gefangen vorstellte, befreien würde. In diesen Büchern war es meist die Mutter, die ihr Kind in diesen Käfig steckte und eine brillante Therapeutin, die es in eine „normale“ Welt führte.

Dann wurde ich erwachsen und ging an die Universität. Dort informierte man mich, dass Autismus eine neurologische Störung sei, die man nicht auf der Grundlage psychologischer Theorien verstehen oder behandeln könne. Autismus war das Gebiet der Neurologen. Autistische Individuen hätten eine Art Gehirnschaden und dieser wäre die Ursache dafür, dass sie taten, was sie taten. Hinter diesem Verhalten läge keine psychologische Bedeutung. Wir müssten nur eine Liste von Symptomen entwickeln, die auf diesen Gehirnschaden hindeuteten und Wege finden diese Person menschlich zu begleiten, indem wir sie trainierten sich so normal wie möglich zu benehmen.

Mütterliche Intuition statt „Expertenwissen“

Ich weiß noch, wie ich – viele Jahre später – mit einer Autismusexpertin sprach, die ich aufsuchte als mein Sohn vier Jahre alt war. Ich erinnere mich auch noch, wie er oft vom Tod sprach und angstvoll tagein tagaus immer wieder fragte: „Wird jemand sterben? Wird irgendjemand sterben?“ Sie antwortete damals nur: „Hauen Sie einfach auf den Tisch, wenn er damit anfängt und sagen sie ihm, er soll damit aufhören!“ Sie warnte mich davor in dieses Verhalten irgendeine Bedeutung hineinzuinterpretieren. Es wäre einfach nur ein zufälliger Kurzschluss im Gehirn, der mit fester Hand gestoppt werden müsste bevor er unkontrollierbar wurde, war nur ein Tic – sonst nichts. Glücklicherweise kannte ich meinen Sohn damals bereits von innen heraus sehr gut und ich wusste es besser.

Heute ist mein Sohn 14 Jahre alt, und ich habe viele Jahre im Bereich Autismus gearbeitet. Ich habe im Hinblick auf das Verständnis von Autismus meine eigene Verwurzelung gefunden und sie entspricht weder der romantischen psychoanalytischen Käfig-Therapie mit der „Kühlschrankmutter“ von der ich gelesen hatte als ich zehn Jahre alt war, noch ist es die roboterhafte, computerähnliche Theorie der Bedeutungslosigkeit, die ich in der Universität erfuhr und der ich in der Welt begegnet bin (ich denke hier auch an den Film „Rainman“). Meine Grundlage ist das Verständnis der evolutionären Funktion von Emotionen, wie der kanadische Entwicklungspsychologe Prof. Dr. Gordon Neufeld sie darstellt. Es bildet die Grundlage für eine Synthese der psychologischen und neurologischen Aspekte von Autismus zu einem zusammenhängenden Ganzen. Und das Bild, das dann entsteht, nimmt dem Autismus die „Eigentümlichkeit“ und macht ihn stattdessen repräsentativ für unsere grundlegendsten menschlichen Befindlichkeiten.

Autismus verstehen

DAS ist der Ruf, den ich von tief unten im Brunnen des Autismus hörte als ich zehn Jahre alt war. Dieser Ruf steht in Resonanz mit uns, wenn wir zulassen, dass wir ihn „hören“. Die Grundlage meines Verständnisses von Autismus, das in starkem Kontrast zu der Idee steht, es handele sich „nur um einen Tic“, kann in der folgenden Aussage von Prof. Dr. Gordon Neufeld zusammengefasst werden: „Das Gehirn hat seine Gründe.“ Diese evolutionäre Auffassung des Gehirns erlaubt es mir den neurologischen Aspekten des Autismus das ihnen angemessene Gewicht zu geben, ohne damit den resultierenden Symptomen Bedeutungslosigkeit zu unterstellen. Autismus hat tatsächlich eine neurologische Grundlage; Prof. Dr. Gordon Neufeld hat dies unter anderem in seinem Videokurs über Aufmerksamkeitsprobleme anschaulich erläutert. Aber das zwingt mich nicht mein Verständnis von Autismus auf eine fehlerhafte Umständlichkeit zu reduzieren und dem Handeln von Autisten maschinenähnliche Zufälligkeit und Absurdität zu unterstellen.

Das Gehirn hat seine Gründe. Dies bedeutet, dass jedes Gehirn eine geordnete Struktur, einen Plan hat. Das autistische Gehirn hat denselben Plan. Die Struktur aller menschlichen Gehirne – autistisch oder nicht – hat sich in Jahrtausenden entwickelt, um uns im Hinblick auf Überleben und Weiterentwicklung zu dienen. Zunächst ist dieser Plan nicht auf unsere Absicht angewiesen, nicht einmal auf unser Bewusstsein. Das wäre – evolutionär gesprochen – zu riskant, wenn so viel auf dem Spiel steht. Aber später werden Absichtlichkeit und Bewusstsein entscheidend für die vollständige Entfaltung des menschlichen Potentials. Was das Gehirn von Anfang an unbedingt braucht, um seinen evolutionären Plan zu verwirklichen, sind Emotionen.

Es geht ums Fühlen…

Professor Neufeld bezeichnet dies als „das Werk der Emotionen“. Emotionen dienen dem Plan des Gehirns, indem sie uns in einer Weise bewegen, die unser Überleben und unsere Entwicklung sicherstellt. In Anspielung auf die Gesetze der Thermodynamik formuliert Neufeld, dass sie eine Art elektrisches „Aktionspotential“ tragen, das irgendwohin muss und Ausdruck sucht. In diesem Sinn hat Emotion grundlegend etwas mit Bewegung zu tun – innerer und äußerer -, wir werden bewegt, wir sind bewegt und bewegen uns. Unter diesem Aspekt ist es unmöglich, nicht zu erkennen, wie extrem bewegt meine jungen autistischen Klienten sind: Sie rennen im Zimmer umher, springen, schaukeln, wedeln und bringen alle möglichen Geräusche hervor. Auf die Frage, warum die Kinder das tun, antworten selbst viele Fachkollegen: „weil sie autistisch sind“. Mit anderen Worten, die Bewegung, die sie bei den Kindern sehen, entspricht einem Punkt auf der Symptomliste, die zur Pathologie von Autismus gehört. Wenn sie diese Bewegung bei den Kindern sehen, bestätigt ihnen das nur, dass das, was sie sehen, tatsächlich Autismus ist.

Wie anders würden wir auf autistische Kinder reagieren, wenn wir hinter das Verhaltens„symptom“ schauen würden und sehen könnten, dass diese Kinder in solchen Momenten sehr stark von Emotionen bewegt werden. Sie fühlen diese Emotionen vielleicht nicht bewusst, und wir „sehen“ die Quellen für diese Emotionen im Moment vielleicht nicht, aber trotzdem sind auch diese Emotionen darauf angelegt ihnen in irgendeiner Weise zu dienen. Selbst meine Kinder mit Asperger-Syndrom kippeln in der Schule mit dem Stuhl, springen plötzlich auf, rennen aus dem Raum oder stoßen plötzlich einen Ton oder ein Gelächter aus. Wie anders würden wir darauf reagieren, wenn wir ihre Bewegung in diesem Augenblick so auffassen würden, dass sie aus einer emotionalen „Belastung“ kommt, die nach Ausdruck verlangt, anstatt dass wir uns auf das Verhalten konzentrieren und versuchen ihnen beizubringen stillzusitzen („Und sie bewegen sich doch!“). Anstatt in solchen Momenten gegen den Plan des Gehirns anzukämpfen, könnten wir uns mit ihm verbünden und die innere Bewegung unterstützen – ihren Ausdruck erleichtern – und verstehen welche Aufgabe diese Emotionen zu erfüllen versuchen.

Um die Arbeit der Emotionen zu verstehen, müssen wir den grundlegenden Plan des Gehirns begreifen. Weil wir im Wesentlichen gesellige Tiere sind, deren Überleben und Gedeihen von anderen abhängt, muss der evolutionäre Plan des Gehirns diese Abhängigkeit von anderen erleichtern und die Emotionen müssen ihrerseits dieser Aufgabe dienen. Dies erklärt den Grundplan des Gehirns, der darin besteht Bindungen zu sichern und die entsprechende „Arbeit“ der Emotionen, die darin besteht das Problem der Trennung zu lösen. Und hier gelangen wir zu einem tieferen Verständnis davon, warum meine autistischen Kinder so tief „bewegt“ sind.

Tiefgreifende Aufmerksamkeitsprobleme, die mit nicht hinreichenden Filtervorgängen im Gehirn zusammenhängen, bilden den Kern des Autismus und haben weitreichende Entwicklungsfolgen – sowohl auf einer sensorischen als auch auf der Beziehungsebene. Die fehlende Fähigkeit Informationen auszublenden, führt nicht nur zu einer beständigen neurologischen Überlastung, sondern auch zu einer tiefgreifenden Schwierigkeit Bindungen aufzubauen, aufrechtzuerhalten und zu vertiefen. Meine autistischen Kinder können nicht einfach an den Menschen, die ihnen wichtig sind, „festhalten“. Und in der Folge sind sie ständig mit Trennung konfrontiert. Trennung oder selbst drohende Trennung bringt das emotionale System in den Notfallmodus und es arbeitet auf Hochtouren, um uns zu „bewegen“. DAS bewegte meinen Sohn dazu ständig zu fragen: „Wird jemand sterben? Wird irgendjemand sterben?“ Es war kein bedeutungsloser Tic. Mein Sohn erlebte eine unklare, aber beständige Trennungsfurcht, die sich für ihn so anfühlte als ob ihm jederzeit jemand genommen werden könnte.

Trennung und Verlassensein

In meiner therapeutischen Arbeit sehe ich jeden Tag sehr „laute“ Formen eines sehr ausgeprägten Trennungskomplexes: Ich sehe die hohen Alarmebenen, die der intensiven Aufregung, Ängstlichkeit und Zwanghaftigkeit zu Grunde liegen. Ich sehe das hohe Maß an Frustration, das an der Wurzel der aggressiven Ausbrüche und Selbstverletzungen liegt. Ich erkenne das massive Bindungsstreben in dem verzweifelten Klammern an Objekte, Orte, Abläufe und an das Vertraute. Im Verhalten der autistischen Kinder spiegelt sich die gesamte Palette der emotionalen Reaktionen, die darauf angelegt sind uns zu „bewegen“, um Trennung zu beseitigen. DAS „bewegt“ sie so gründlich, obwohl sie ihre Emotion nicht bewusst FÜHLEN. Speziell in den Augen meiner jungen autistischen Kinder sehe ich die aufgeladene, wilde Aufregung. Sie wissen nicht warum, aber sie MÜSSEN sich einfach bewegen.

In einem bestimmten Sinn hat Bruno Bettelheim mit seiner psychoanalytischen Deutung von Autismus Recht gehabt: Das Gehirn meiner autistischen Kinder reagiert auf einen Zustand der Verlassenheit – aber nicht die Verlassenheit von einer kaltherzigen Kühlschrankmutter, sondern eine Verlassenheit, die aus ihren eigenen tiefgreifenden Schwierigkeiten entsteht an ihren Bindungen „festzuhalten“. Weil diese Verlassenheit unerträglich ist, sehe ich auch den Teufelskreis der immer zunehmenden Symptomverschlimmerung.

Diese stammt aus der defensiven Bindungsabwehr, die fast immer – in größerem oder kleinerem Ausmaß – auftritt. Das Gehirn ist gezwungen das Kind zu schützen. Es gibt einen Rückzug aus Bindungen und wir bleiben mit dem Gefühl zurück, dass dieses Kind „in seiner eigenen Welt“ lebt. Ich glaube, dies ist tief verstörend, verwirrend für uns, wenn wir es in den Kindern sehen. Wir spüren ihre Verstörung, wir fühlen, dass wir irgendwie die Antwort darauf wären, aber wir können diese Kinder nicht erreichen, um ihnen das anzubieten, was sie brauchen. Wir bleiben mit einem Gefühl extremer Hilflosigkeit zurück – und wenn die Mutterbärin in uns als Mutter eines autistischen Kindes aktiviert wurde, fühlen wir eine wilde Verzweiflung wie nie zuvor. Vielleicht erklärt dies, warum meine Autismusexpertin mir versichern wollte, das Verhalten meines Sohnes sei bedeutungslos und nur ein Tic. Vielleicht dachte sie, ich würde mich dann besser fühlen. Vielleicht fühlte sie sich besser damit.

Es ist schwer die Gefühle zu ertragen, die autistische Kinder in uns wecken. Es ist schwer auf diesen Ruf, den wir aus dem Brunnen hören, zu lauschen. Aber es ist sehr wichtig, dass wir es tun. Es erstaunt viele Menschen, wenn sie sehen wie schnell wir eine Brücke zu autistischen Kindern bauen können, wenn wir sie von innen heraus verstehen. Indem wir eine sehr klare Einladung aussenden in unserer Gegenwart willkommen zu sein und dann intensiv unser tief verwurzeltes Repertoire zum Bindungsaufbau benutzen, besonders die Dinge, die wir auf der ganzen Welt bei Babys anwenden (mit großen Augen, offenem Mund, übertriebenem Ausdruck, synchron handeln, nachahmen usw.), können wir die Notwendigkeit für defensive Bindungsabwehr verringern und die Aufmerksamkeitsprobleme kompensieren, die ursprünglich das autistische Kind daran gehindert haben sichere Bindungen zu formen. Mit anderen Worten, wir können den Bindungstanz mit ihnen tanzen. Wenn der Bindungstanz einmal läuft (und ich habe noch nie mit einem autistischen Kind gearbeitet, das NICHT schon in der allerersten Sitzung in irgendeiner Art begonnen hat mit mir zu tanzen), dann können wir beginnen zu spielen. Und wenn wir einmal beginnen zu spielen, dann rollt der Ball der Weiterentwicklung. Das klingt sehr einfach, aber es erfordert eine sehr hohe Aufmerksamkeit und Sensitivität auf unserer Seite uns in das individuelle Kind so einzustimmen, dass wir es erreichen ohne es zu überfordern. Darum müssen wir mit unseren eigenen Gefühlen im Reinen sein, um mit autistischen Kindern arbeiten zu können. Nur dann sind wir in der Lage sie sensibel spielerisch zu ihren eigenen Gefühlen zu führen, indem wir sie einladen, sie aufweichen, die Panzerungen vermindern. Und das wiederum lässt den Motor anspringen, der den Prozess der Reifwerdung antreibt.

Und immer wieder die Bindung…

Der Schlüssel für das Kind ist, dass wir den Eltern helfen in sich selbst ihre eigene Alphakraft im Bindungstanz zu finden. Das Aufweichen und Tanzen, das ich mit den Kindern praktiziere, nützt langfristig wenig, wenn die Eltern zu Hause diesen Tanz nicht aufgreifen. Im Idealfall entwickeln wir einen großen erweiterten Kreistanz der Bindung – zu dem so viele Bindungsgestalten des Kindes gehören wie möglich. Wenn dies geschieht, dauert es nicht lange bis dieser wilde, elektrisierte und alarmierte Blick beim kleinen autistischen Kind sich legt. Wir haben immer noch ein autistisches Kind – wir haben das zugrunde liegende Filterproblem nicht verändert -, aber wir waren in der Lage das hinreichend zu kompensieren, so dass dieses Kind nicht mehr beständig in erster Priorität damit beschäftigt ist, das Trennungsproblem zu lösen. Ein gewisses Maß an Ruhe kehrt ein – wenigstens für eine Weile – und wir können beginnen zu spielen.

Es ist vermutlich nicht überraschend, dass ich mit meinen kleinen autistischen Kindern überwiegend Verstecken spiele. Bei diesem Spiel geht es nur um Trennung. Wir spielen es immer und immer und immer wieder. Wir MÜSSEN es immer und immer wieder spielen! Immer und immer wieder warten wir mit angehaltenem Atem während der Zeit „des Versteckens“, also der Trennung; wir spielen mit der Möglichkeit die Wartezeit immer weiter auszudehnen. Wir vibrieren vor Aufregung, wenn wir wissen, dass die Wiedervereinigung unmittelbar bevorsteht, und wir lachen vor Freude und Erleichterung, wenn wir wieder zusammen sind. Das tun wir immer und immer wieder, in jeder Sitzung. Wir experimentieren mit dieser und jener Art, bringen Varianten ins Spiel. Schließlich findet das Kind das Spiel plötzlich „uninteressant“ und beginnt den Raum auf der Suche nach neuen Abenteuern zu erkunden – vielleicht sind sie in dieser Kiste mit bunten Bausteinen in der Ecke zu finden. Dieser Augenblick bringt mich immer zum Lächeln. Ich trete einen Schritt zurück und lasse das Kind seinen Weg in die Welt gehen…. Trotzdem bleibe ich nahe, um seine Gefühle des Staunens über die Welt zu teilen und zu spiegeln – oder mit einem weiteren Versteckspiel zu beginnen.

Meiner Erfahrung nach unterscheidet sich die Reise der emotionalen Entwicklung bei einem autistischen Kind nicht grundlegend von der Entwicklung „neurotypischer“ Kinder, obwohl sie länger dauert und mehr Unterstützung von uns Erwachsenen braucht, um die Hindernisse für die Reifwerdung aus dem Weg zu räumen oder zumindest so weit wie möglich zu reduzieren. Ich glaube, dass wir in vielen Fällen von Autismus diese Hindernisse nicht vollständig kompensieren können, aber ich glaube auch, dass Kompensierung immer in einem gewissen Ausmaß möglich ist. Wenn wir das Spiel beim autistischen Kind unterstützen können, tun wir viel um der Emotion zu helfen etwas zu bewirken, was sie beim Kind bewirken muss, gemäß der drei Gesetze von denen Professor Dr. Gordon Neufeld spricht: Emotionen suchen nach Ausdruck, Emotionen suchen nach Bewusstsein und Emotionen suchen nach Gleichgewicht.

Der emotionale Ausdruck kommt beim Spiel ganz natürlich und wir können dies weiter unterstützen, indem wir selbst emotional reagieren, den emotionalen Gehalt des Spieles im Zentrum unserer Aufmerksamkeit halten und sensibel/spielerisch den Emotionsausdruck erleichtern – oft einfach indem wir dazu einladen und die Emotion gemeinsam ausdrücken. Bewusstsein kann selbst bei schwer autistischen, nicht sprechenden Kindern unterstützt werden, indem wir viel mit Spiegeltechnik arbeiten, emotionsausdrückenden Gesten, übertriebener Körpersprache und anderen Formen der nonverbalen Kommunikation – ich benutze viele lautmalende Geräusche. Ich habe festgestellt, dass es auch möglich ist das Kind sanft und geduldig in einen adaptiven Prozess zu führen- wo aus Aggression Trauer wird. Dies kann sogar ohne jede Sprache geschehen, und dies ist gut zu wissen angesichts des Riesenbergs an Vergeblichkeit, dem sich autistische Kinder gegenüber sehen!

Das Gleichgewicht zu finden – die gemischten Gefühle – ist ein Vorgang, den ich bei meinen Asperger-Kindern beobachtet und unterstützt habe. Manchmal geschieht dies spielerisch (so haben wir eigene Filme gedreht, bei denen die Personen, die sie darstellten, alle Arten gemischter Gefühle ausdrückten) und manchmal einfach indem man darüber spricht und reflektiert wie denn so die Woche war. Die Reise zu gemischten Gefühlen war für meinen eigenen Sohn sehr schwierig, weil seine emotionale Intensität das Mischen so schwer machte. Aber wir kommen weiter. Er erlebt jetzt nur noch selten die „Reinheit“ der Emotionen, die ihn in der Schule oft in solche Schwierigkeiten gebracht hat. Aber wenn die Gefühle wirklich groß werden – wenn jemand ihn mit zu strenger Stimme anspricht (und er beginnt sich Sorgen zu machen er sei „böse“ oder diese Person würde ihn nicht mehr mögen, mit anderen Worten: Trennung droht) dann kann er immer noch die Mischung verlieren…

Ein Artikel über Autismus, den ich gelesen habe, trug die wunderbare Überschrift „Menschlich, nur noch mehr“. Ich glaube, dies bringt Autismus für mich auf den Punkt. An seiner Wurzel hat Autismus mit dem zu tun, was uns alle am meisten bewegt: „Trennung“. Beim Autismus sehen wir, wie die Emotion tut, was sie tun soll: sie versucht Trennung zu beheben. Dass viele Strategien zur Bewältigung von Trennungserfahrungen schlichtweg nicht funktionieren, solange es genau an dem fehlt, was wir am meisten brauchen um zu gedeihen und zu überleben, nämlich an sicheren Bindungen, wird gerade beim Autismus sichtbar. Aber wenn wir das verstehen, wissen wir auch was wir tun müssen. Und das ist ganz sicher nicht, auf den Tisch zu hauen und dem autistischen Kind zu sagen, es soll mit seinem Verhalten aufhören. So verstörend es sein kann den Ruf eines Kindes tief aus dem Brunnen des Autismus zu hören, wir müssen darauf lauschen – denn wir müssen darauf antworten. Und wir müssen das finden, was dieses individuelle Kind braucht, um uns zu hören. Das ist gar nichts besonders Exotisches, das ist etwas innerhalb unseres Repertoires von Bindungsverhalten, aber es muss genau auf das individuelle Kind abgestimmt sein. Es wird uns wahrscheinlich nicht gelingen, das autistische Kind von seinen grundlegenden neurologischen Schwierigkeiten zu „befreien“, aber wir können von außen genug Kompensation herstellen, um mit dem Kind gemeinsam den Bindungstanz tanzen zu können.

Dieser Tanz sieht vielleicht oft etwas ungewöhnlich aus, aber meiner Erfahrung nach können wir wenigstens gut genug tanzen, um uns aneinander zu erfreuen und sehr viel Spaß zu haben, beim gemeinsamen Spielen und Erkunden der Welt… und das ist ganz schön viel! Oft ist aber viel mehr möglich, wenn durch Bindung und Spielen weitere Hindernisse in dem Reifungsprozess aus dem Weg geräumt werden können, so dass das Kind immer mehr sein Potential entfalten und sich der Welt zeigen kann.

 

Autismus aus Sicht einer betroffenen Mutter und Psychologin
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