Autorin. Beate Wiemers

Bis etwa Anfang des 19. Jahrhunderts war die Geburtshilfe eine rein weibliche Domäne. Als Ärzte dann in gebärenden Frauen eine neue Zielgruppe für sich entdeckten, starben in den „modernen“ Geburtskliniken plötzlich überdurchschnittlich viele Frauen an Kindbettfieber aufgrund mangelnder Hygiene.

Jobina Schenk

Inzwischen ist die Hygiene zwar nicht mehr der Risikofaktor schlechthin, aber die Fremdbestimmung der Frau ist seitdem auf beängstigende Weise angestiegen. Schwangerschaft und Geburt sowie die Phase danach zeigen heutzutage die gesamte Bandbreite dieser Fremdbestimmung durch das medizinische Establishment. Perinatale Diagnostik, durchkontrollierte Geburten und Nachuntersuchungen, einhergehend mit Impfungen, stehen auf der einen Seite, die Entmachtung der Hebammen und gebärenden Frauen auf der anderen. Schwangere Frauen stehen wegen ihres „Zustandes“ oft schon unter Generalverdacht und eine Vielzahl von Untersuchungen soll den werdenden Müttern suggerieren, dass sie in den besten Händen sind. Die Kehrseite der Medaille ist, dass zu schnell Kaiserschnitte vorgenommen werden, dass viele Frauen ihr Vertrauen in ihre eigene Kraft verloren haben oder ihrem Arzt und seinen Apparaten mehr trauen als ihrem eigenen Potenzial und ihrer inneren Stimme. Doch auch hier beginnt erfreulicherweise ein Bewusstseinswandel. Eine Frau, die ganz selbstbewusst zu den Pionierinnen eines neuen Bewusstseins rund um Schwangerschaft und Geburt steht, ist Jobina Schenk. Das Spirit of Health Magazin möchte Menschen zu mehr Selbstermächtigung ermutigen. Was liegt also näher als Jobina, Mutter von drei Kindern, und Autorin des Buches „Meisterin der Geburt – für mehr Geburtslust und Selbstermächtigung“ zu interviewen.

SOHM: Kreißsaal, Wehenmittel, Narkosen und Schmerzen – das kommt schwangeren Frauen zwangsläufig in den Sinn, wenn sie an die Geburt ihres Kindes denken. Sie hingegen sprechen davon, dass eine Geburt durchaus lustvoll und weitgehend bis völlig schmerzfrei sein kann, wenn „frau“ sie autonom im Vertrauen auf ihr eigenes Potenzial schafft. Wie kam es dazu, dass Sie sich näher mit diesem Thema beschäftigten?

Jobina Schenk: Auch ich habe mein erstes Kind mit Schmerz auf die Welt gebracht. Von Lust und Genuss war ich weit entfernt, denn mein größtes Problem war ein Kind, welches sich offenbar dem errechneten Geburtstermin (ET) nicht unterordnen wollte. So ließ ich mich schon zwei Wochen vor der Geburt von Kaiserschnittempfehlungen und diversen Einleitungsversuchen so sehr stressen, dass ich unter dem Druck der Zeit nur fluchend mein Kind aus mir herauspresste. Nach der eingeleiteten Geburt lag ich dann kreislaufschwach und stark blutend im Bett des Geburtshauses, sah zum Wickeltisch auf dem mein frisches Baby gerade untersucht wurde und hörte die Hebamme diesen Satz sagen: „Och, die Kleine hätte noch gut eine Woche drin bleiben können!“ Dieser und einige andere Momente ließen in mir die Frage offen, ob die ernannten Geburtshelfer wirklich Ahnung haben von dem, was sie tun. Ich beschloss also in der zweiten Schwangerschaft mich nur noch auf mich selbst zu verlassen und entdeckte wunderbare Zugänge zu mir selbst, die meine Wahrnehmung auf ein völlig neues Niveau hoben und mich befähigten auf mein inneres Wissen zuzugreifen. Ich plante also bewusst eine Geburt ohne Geburtshelfer (Alleingeburt) und mir war klar, dass niemand da sein würde, der mir die Schmerzen nehmen könnte. Also arbeitete ich auf eine schmerzfreie Geburt hin. Ich kreierte mir diese Geburt. Mit Disziplin. Mit Fokus. Und mit Manifestationstechniken. Dass diese Geburt zusätzlich auch noch ekstatisch und lustvoll wurde, war ein unbeabsichtigter Nebeneffekt, aber ein sehr schöner! Die Geburtslust war also eher eine zufällige Entdeckung. Da auch die darauffolgende Geburt mit dem 3.Kind ebenfalls lustvoll ekstatisch und ohne Schmerz war, verstand ich, dass es kein „Zufall“ war und auch keine „Da-hast-du-aber-Glück-gehabt-Geburt“, sondern meine innere Einstellung mit einem absichtsvollen Mind. Daraufhin schrieb ich alle Schritte auf, die ich selbst gegangen bin, um meine Erfahrungen und mein Wissen mit anderen Frauen zu teilen.

SOHM: Sie sind auch Bloggerin und ermutigen mit sehr persönlichen Schilderungen Ihres eigenen Prozesses Frauen dazu, wieder mehr auf sich selbst zu hören und sich zuzutrauen ihr Kind alleine zu gebären. Wie ist die Resonanz von Frauen auf Ihre Beiträge und auf Ihr Buch?

J.S. Großartig! Ich habe ganz viele Bekennerschreiben bekommen, von Frauen, die sich ebenfalls selbstermächtigt in ihre Geburten eingelassen haben und die auch den Begriff „Geburtsorgasmus“ für ihr Erleben wählen und das zeigt einfach das große Potenzial, welches eine Geburt haben kann. Die hohen Verkäufe des Buches „Meisterin der Geburt“ lassen den Rückschluss zu, dass sich aktuell viele Frauen auf dem Weg befinden ihre Geburten ebenfalls souverän meistern zu wollen. Die Zeit ist einfach reif für Schöpferinnen, denn das sind wir!

SOHM: In den 1960 und 1970er Jahren wurde es Mode, Männer in den Prozess von Schwangerschaft und Geburt einzubeziehen. Das Bild von „Softies mit Latzhosen“, die schon im Geburtsvorbereitungskurs zusammen mit ihren Frauen hechelten und die Nabelschnur nach der Geburt durchschnitten, drängt sich dabei noch heute vor das geistige Auge mancher Frauen. Finden Sie, dass Männer bei der Geburt dabei sein sollten?

JS: Das kommt auf die Paar-Beziehung an! Und auf die Bereitschaft des Paares miteinander zu wachsen. Eine Beziehung zum Beispiel, welche vorrangig männlich-dominiert gelebt wird, kann wunderbar wachsen, wenn sich der Mann bewusst aus der Führungsrolle zurückzieht und erlaubt, dass seine Frau in ihrem vollen Potenzial erblühen kann. Tut er es nicht und drängt seine Frau etwa zu einer Krankenhausgeburt (weil ER sich dort sicher fühlt), sie aber lieber im trauten Zuhause geblieben wäre, dann wird sich seine Frau nicht wahrgenommen fühlen und daran leidet im späteren Verlauf jede Beziehung. Männer dürfen also während der Schwangerschaft lernen auszuhalten und geduldig die Entscheidungen ihrer Partnerinnen abzuwarten. Frauen hingegen dürfen lernen zu erforschen welche Bedürfnisse sie wirklich haben. Und noch viel wichtiger: ihre Bedürfnisse zu kommunizieren. Eine häufige Aussage in Gesprächen nach der Geburt ist der Satz: „Eigentlich wollte ich meinen Mann gar nicht dabei haben.“ Wenn eine Schwangere bereits VOR der Geburt diesen Gedanken denkt, könnte sie diesen meistern, indem sie entweder ergründet weshalb sie ihren Mann nicht dabei haben will und diese Blockade gemeinsam mit ihm lösen, oder sie lernt ihrem Partner gegenüber ehrlich zuzugeben, dass er außen vor bleibt. Erkennt und vertritt eine Frau ihre Wünsche, dann nährt sie sich mit Selbstanerkennung und dies hat eine Auswirkung auf ihr gesamtes Geburtserleben. Die Geburtsenergie kann sich dann auf ein höheres Energiezentrum hochschrauben. Lernt eine Frau hingegen nicht ihre Wahrheit auszusprechen, bleibt die Geburtsenergie in den unteren drei Energiezentren hängen und dort findet Schmerz und Leid statt. Um auf den Punkt zu kommen: Wenn ein Baby durch beide Elternteile gezeugt wurde, liegt es doch auf der Hand, dass sie auch gemeinsam ihr Kind auf der Welt willkommen heißen. Ich denke, eine Geburt ist eher ein intimes erstes Date zwischen Mutter-Vater-Kind, als ein Mutter-Hebamme-Arzt-Kind-Modell, welches auch noch einem profitorientiertem Geburtsgeschäft dient.

SOHM: Wie ist Ihre Erfahrung in Bezug auf die Bindung zwischen Mutter und Kind, wenn Frauen ohne fremde Hilfe entbunden haben?

JS: Eine Geburt ohne fremde Hilfe ist natürlich das intensivste Bonding welches stattfinden kann. Statt fremder Hände in medizinischen Handschuhen wird das Baby sofort in die puren Hände seiner Mutter oder seines Vaters geboren. Statt fremder Stimmen hört das Baby nur die bereits bekannten Stimmen seiner wichtigsten Bezugspersonen. Die menschliche Spezies kommuniziert ja auch auf der Duftstoff-Ebene und so sind die Kinder weniger irritiert von fremden Pheromonen, sondern knüpfen ein existenzielles Band mit ihren Eltern. Alle nachfolgenden Prozesse, wie Stillen, Schlafen und die Entwicklung, profitieren von dieser ersten Begegnung. OPTIONAL: Die Geburten MIT Hilfe können neben den Irritationen noch ganz andere Auswirkungen haben. In Gesprächen mit Rückführungstherapeuten wurde mir meine Vermutung längst bestätigt, dass gerade die geholten Kinder (sowohl Kaiserschnitt, als auch andere operative Entbindungen wie Geburtszange oder Saugglocke) im späteren Leben entsprechende Verhaltensweisen zeigen. Sie agieren viel weniger aus eigener Kraft. Sie verharren oft in abwartender Haltung, in der Hoffnung, dass sie jemand holt/abholt.

SOHM: Sind Frauen, die es (wieder) wagen Schwangerschaft und Geburt als ihr eigenes, autonomes Revier zu handhaben, generell selbstbewusster als jene, die sich lieber in die Hände einer Klinik begeben?

JS: Mich selbst hat die Erfahrung dieser selbstermächtigen Schwangerschaft und Geburt erst in mein heutiges Selbstbewusstsein katapultiert. Sich selbst bewusst sein ist ja ein Prozess und sehr vielen Frauen widerfährt erst eine negative Geburtserfahrung, bevor sie sich beim nächstfolgenden Kind entscheiden besser auf ihre eigene Intuition zu vertrauen. Was die Frauen in die Kliniken treibt, ist nicht das mangelnde Selbstbewusstsein, sondern die Angst. Angst vor Krankheit, Behinderung und Tod. Frauen, die jetzt selbstbestimmt gebären wollen, hinterfragen all diese Ängste. Und sie erobern sich ihre weibliche Kraft zurück und erinnern sich ihrer Fähigkeit zu gebären.

SOHM: Wie reagieren Ihrer Erfahrung nach Hebammen und Frauenärzte auf Ihre Botschaft an die Frauen? Haben Sie es da auch mit Anfeindungen zu tun?

JS: Überraschenderweise reagieren die Hebammen sehr positiv auf die Botschaft. Sie sind ja auch Mütter und wissen, wie wichtig eine positive Geburtserfahrung ist. Sie wissen auch, dass dieses Geburtshilfesystem, in welchem wir gerade stecken, nicht das Gelbe vom Ei ist. Ich denke, alle Beteiligten innerhalb der Geburtsmedizin wissen, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Wir haben es deutschlandweit mit der Schließung kleinerer Geburtsabteilungen zu tun (aus Kostengründen!), wir können keine 1-zu-1-Betreuung mit einer vertrauten Hebamme zusichern, wir haben Versicherungsbeiträge, die eine gesamten Berufsgruppe ihrer Existenz beraubt und wer sich als freiberufliche Hebamme noch irgendwie über Wasser hält, schlägt sich mit Ausschlusskriterien herum, die eher an Willkür als an gesunden Menschenverstand erinnern. So ist zum Beispiel die neue ET+3-Regelung, die die Frauen zu einer ärztlichen Untersuchung zwingen soll, nicht auf evidenz-basierender Erkenntnislage entstanden, sondern dient dem ewigen Machtkampf einiger Interessengruppen. Es gibt auch Frauenärzte, die diese und andere Ausschlusskriterien weder gutheißen noch unterstützen. Vielleicht ist dies der Grund, dass ich es daher nicht mit Anfeindungen zu tun habe.

SOHM: Wenngleich Kliniken vor Jahren gewisse Zugeständnisse machten und frisch entbundenen Frauen einige Minuten ihr Kind für den Erstkontakt zubilligten, sieht es im Klinikalltag noch immer so aus, dass Frauen einen Großteil ihrer Verantwortung abgeben, weil Ärzte und Hebammen darüber entscheiden, wann und für wie lange Mutter und Kind zusammen sein dürfen. Was raten Sie Frauen, die trotzdem lieber in einer Klinik entbinden wollen, weil sie vielleicht Risiken befürchten?

JS: Ich würde mir auf jeden Fall den Qualitätsbericht einer gewählten Klinik zeigen lassen. Hier sollten Frauen nach der Höhe der Kaiserschnittrate, der Dammschnitte und insgesamt allen Interventionsraten schauen. Es gibt sicher auch Kliniken, welchen das Wohl von Mutter und Kind wichtiger ist als der Profit. Es lohnt sich immer herauszufinden wessen Geist eine Klinik beherrscht. Frauen sollten sich zudem darüber klar sein, dass auch die kompetenteste Fachperson das Kind nicht gebären kann. Es ist nun mal die Frau selbst, durch die das Kind ins Leben tritt. Vielleicht empfiehlt es sich sogar eine Doula[1] als unabhängige Unterstützung mitzunehmen, welche die mentale 1-zu-1-Betreuung gewährleistet, die viele Kliniken aufgrund Personalmangels nicht mehr zusichern können. Es gibt viele Wege eine Geburt entsprechend selbstbestimmt zu gestalten. Um das Thema Eigenverantwortung kommen wir auch bei Schwangerschaft und Geburt nicht drum herum.

SOHM: In dieser Ausgabe des Spirit of Health Magazins gehen wir in einem Beitrag auch auf das Thema „weibliche Urkraft“ ein. Können Sie uns am Beispiel Schwangerschaft und Geburt erläutern, was weibliche Urkraft für Sie in diesem Zusammenhang bedeutet?

JS: (schmunzelnd) Der Begriff „weibliche Urkraft“ ist aktuell sehr populär. Ich benutze diesen Begriff gar nicht. Für mich sind alle Menschen geistig-spirituelle Wesen. Unsere Lebenskraft nährt sowohl Weib, als auch Mann. Wir sind alle verbunden mit der Quelle, aus der wir kommen…wie auch immer wir diese Quelle bezeichnen wollen. Unsere Kraft, die wir mit einem weiblichen Körper in dieser Inkarnation ausleben können, ist natürlich das Gebären, das Nähren, das Geben. Das ist die urweibliche Kraft, die uns gegeben ist und die wir ausleben können. Sogar mit Freude und Lust, wenn wir dies wollen.

 

[1]                  http://www.doulas-in-deutschland.de/

Die Geburt als lustvolles Erlebnis
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