Autor: Dieter Loboda

Vom Umgang mit „Träumenden“ in Sprechstunden, Coaching- und  Beratungssituationen

dreams

Heute ist der 11. Februar 2016 und eine Weltsensation ist den Astronomen gelungen: Forscher haben Gravitationswellen nachgewiesen, jene Krümmungen in der Raumzeit, die Albert Einstein bereits vor hundert Jahren beschrieben hat. [1]Er hatte seinerzeit keinen Traum; es war eher eine Vision, eine Idee, die über ihn kam, vielleicht so eine Art Geistesblitz. Träume hingegen sind individuelle, kollektive und unbewusste Verarbeitungsvorgänge in uns, die in symbolischer Sprache, wie nicht gelesene Briefe des Unbewussten, an die Oberfläche gelangen, freilich nur, wenn man sie angemessen verstehen kann.

Menschen träumen besonders in Krisen, bei Lebenskonflikten, bei Trennungen, Erkrankungen und anderen schicksalhaften Ereignissen. Auch im hohen Alter und bei Todesfällen im Umfeld werden verstärkt Traumaktivitäten beobachtet. Träume sind eine autonome Steuerung unseres gesamten Psychosystems. Aber wie soll man damit umgehen? Gibt es überhaupt die richtige Methode für die Traumdeutung? Versteht jemand den Träumenden mit seiner nur bruchstückhaften Erinnerung aus der Nacht? Und was ist zu tun, wenn die Traumbotschaft symbolisch verschleiert ist, womöglich sogar Angst macht?

Einige Möglichkeiten werden in der Literatur beschrieben. So kann man den Traum als Märchen erzählen lassen und/oder ihn als Identifikation mit all seinen Figuren nachempfinden, den Träumenden mit den im Traum vorkommende Figuren konfrontieren. Man kann zudem den Traum als Theaterstück inszenieren, ihn umdeuten, nach einer heilenden Botschaft untersuchen, ihn als Hinweis verstehen oder als inneren Ratgeber für Situationen nutzen. Wie war der Tag vor der Nacht des Traumes? Welche objektiven und subjektiven Elemente weist der Traum auf? All das sind Herangehensweisen, die bei der Deutung von Träumen hilfreich sein können. Für jene, die mehr über ihre Traumbotschaften erfahren und sich selbst dafür sensibilisieren möchten, empfiehlt sich das Führen eines Traumtagebuches. Das im Traum Erlebte lässt sich auch gestalterisch nachempfinden, beispielsweise durch die Arbeit an einer Tonskulptur. Die Liste verschiedener Möglichkeiten ließe sich weiter fortführen.

Das „Bildunterstützte Coaching©“ in der Traumberatung

Meine Methode möchte ich hier näher beschreiben wegen ihrer Zweckmäßigkeit und Effektivität. Sie vermeidet Bewertungen und ermöglicht den Träumenden eine authentische, evidente Selbstwahrnehmung. Das Bild als eigenes Produkt begünstigt Gespräche ohne Projektionen. Diese Methode basiert darauf, dass all unser Denken über Bilder funktioniert. Die Bilder werden multi–codiert innerlich abgespeichert und bleiben auch in späterer Zeit abrufbar. Emotionalität, Gefühle, Farben, Muskelbewegung, beteiligte Personen, Wetterlage etc. werden dabei zeitgleich erlebt. Normalerweise gehen wir im Kontakt mit Menschen aus den Bereichen Pädagogik, Gesundheitswesen, Wissenschaft, Religion, Therapie und Beratung per Argumentation miteinander um. Wir unterlassen es dabei, die visuellen Kanäle mit einzubeziehen, halten das vielleicht sogar für naiv und werten es als kindlich ab. In der Kunsttherapie weiß man allerdings längst, dass Bilder genutzt werden, wenn z. B. die Sprache verloren wurde. Aber einen Grundsatz darf man bei der Traumberatung nicht übersehen: „Ohne die Befragung des Träumers ist keine Traumdeutung möglich.“ (C. G. Jung)

Fallbeispiel:
Ein sechsundfünfzigjähriger Mann nimmt an einem Seminar der Arbeitsagentur teil. Er ist seit eineinhalb Jahren arbeitslos und nach 33 Jahren Betriebszugehörigkeit völlig desillusioniert. Er geht jeden Morgen aus dem Haus, als wenn er weiterhin zur Arbeit ginge. Er nimmt Antidepressiva, streitet mit seiner Frau, sieht seine  Kinder öfter weinen und ist mutlos eine neue Stelle zu finden. Er selbst beschreibt seine Situation als hoffnungslos, isoliert sich von Freunden und kämpft mit häufig wiederkehrenden Infektionen. In unseren Gesprächen fällt es schwer Ermutigungen wirksam zu platzieren und logische Argumente werden spontan von ihm als wenig hilfreich abgelehnt. Ein typischer Verlauf, den wir meist als „sich im Kreis drehen“ beschreiben. Auch mit Tabletten gehe es ihm nicht besser, erklärt der Klient glaubhaft. Sich auf die Lösung, anstatt auf das Problem, zu konzentrieren, scheint ihm unmöglich. Als die Schlafstörungen thematisiert werden, höre ich von seinem mehrfach wiederkehrenden Traum. Sofort erinnere ich mich an einen Grundsatz der Gestalttherapie nach Fritz Pearls: „Träume haben Vorrang!“

Ich bereite mich auf eine Sammlung meiner Fragestellungen vor und ermutige den Klienten dazu spontan ein Bild zum „Ist-Zustand“ seines Traumes zu malen. Das Bild hängt dann an der Wand und der Klient kann aus der Distanz heraus seine Situation ein erstes Mal betrachten, ohne dabei bewertet zu werden.

Ziel meiner Fragestellungen

Durch die Resonanz auf das Bild sollen die noch schlummernden Resilienzen bewusst gemacht und belebt werden. Die Bilder sollen in intuitiver, rationaler und

mythischer Bedeutung sowie Aussagekraft nutzbar gemacht werden. Die Beteiligung

aller Zellen ist dabei das Ziel. „Fire together – wire together“, schreibt Giorgio Nardone dazu, ein Spezialist für Kurzzeittherapie. Ein Evidenzgefühl soll sich

einstellen, um die innere Gewissheit zu verankern. Die Fragen sind stets offen und enthalten keinerlei einschränkende Behauptungen. Sie richten sich an sinnorientierte Wahrnehmungen und naturbezogene Aspekte, ohne jegliche Wertungen vorzunehmen. Die erste Frage, die sich erneut als Schlüssel herausstellte, hat sich im Beratungsalltag bewährt.

 

Beispieldialog zum Fallbeispiel:

Welchen Namen werden sie dem Bild geben?

„SCHOCK!“

Die Atmung des Klienten beschleunigt sich dabei und die Hände werden fahrig. Schluckreflex und steile Augenbrauen sind zu beobachten (affektmotorische Schemata nach Dawning und somatische Marker nach Damiano sind Anzeichen für die erlebte Situation, die von der richtigen Fragestellung berührt werden.)

Was ist ihnen passiert?

„Ich habe aus der Zeitung erfahren, dass die Firma Konkurs ist und ich gekündigt bin.“

Was bedeutet die Wolke über dem Regentümpel in dem Sie stecken?

„Ein plötzlicher Wolkenbruch, meist ziehen sie nach Gewittern davon.“

Um welche Figuren handelt es sich unter dem Regenbogen?

„Das sind meine Frau und ich, als wir früher oft am Regenbogen gesessen haben.“

Wie haben Sie das so lange ausgehalten, sich über Wasser zu halten und so zu tun als ob sie Arbeit hätten?

„Ich fühle mich als Versager und es ist mir alles peinlich. Andererseits habe ich immer eine gewisse Energie gehabt in meinem Leben.“

Was ist dabei das Schwerste gewesen?

„Gefühle der Nutzlosigkeit und ein zerstörtes Selbstwertgefühl und die Scham vor meiner Frau. Auch die Ohnmacht gegenüber den Firmenbossen, denen ich fast 30 Jahre meines Lebens gewidmet habe.“

Was wird sich in ihrem Leben ändern, wenn das Problem gelöst sein wird?

„Vielleicht wird meine Ehe besser, ich lerne neue Menschen kennen, auch ein anderes Unternehmen.“

Wie wird sich das gefühlsmäßig auswirken und woran genau können sie es feststellen?

„Ich werde wieder lachen können und habe mehr Geduld für meine Kinder.“

Was bedeutet das Bild ihres Traumes für Ihre Lebenssituation?

„Ich müsste mein Verhalten ändern. Die kleinere Figur bin ich. Ich verhalte mich wie ein ängstliches Kind meiner Frau gegenüber. Deshalb ist sie auch größer dargestellt. Ich muss mich auf den Weg machen aus eigener Kraft.“

Assoziation (Ideensammlung) und Amplifikation (Traumerweiterung) ermöglichen einen weiteren Zugang zum Traum, hier am Beispiel einer Märchenidentifikation und die Anregung als Regisseur und Bodygard, statt als Marionette den Prozess zu beeinflussen. Zum Schluss nehme ich symbolisch eine kleine Figur (Schachfigur, Mensch-ärgere-dich-nicht-Püppchen oder ähnlich.) Ich bitte den Klienten die Figur an den Platz im Bildprozess zu stellen, an dem der Träumer sich in den nächsten Tagen befinden wird. Die Figur wird unter dem Regenbogen aufgestellt, nicht mehr im Wasserloch!

Welche Märchenszene fällt ihnen ein, die aussagekräftig für Ihr Verhalten sein könnte?

„Ich denke an Prinz Eisenherz, der auch seine Gefühle nicht akzeptieren wollte. Am Ende ist es ihm aber doch noch gelungen.“

Wie sieht die Bildlandschaft, von oben aus der Entfernung gesehen, für Sie aus als Regisseur?

„Irgendwie wie ein normaler abwechslungsreicher Prozess, bei dem schlechte Wetterlagen sich irgendwie verziehen. Der Regenbogen macht mir Mut. Et kütt, wie et kütt, sagen die Kölner.“ (lacht)

Nach etwa 1 ½ Stunden Gesprächsdauer gebe ich dem Klienten noch zwei Zitate mit auf den Weg: „Man kann Konflikte nicht mit den gleichen Methoden lösen, durch sie sie entstanden sind.“ (Steve de Shazar)

„Wiederkehrende Träume habe eine existentielle Bedeutung.“ (C.G. Jung)

„Träume sind wie die Arche Noah. Es sind immer alle Lebewesen an Bord, aber nicht immer alle an Deck.“ (Dr. Helmut Hark, Theologe, Psychotherapeut, Buchautor).

Nach drei Tagen berichtet der Klient telefonisch von einem offenen und konstruktiven Gespräch mit seiner Frau. Sie hat ihm von ihren Zweifeln und der bereits aufkommenden Möglichkeit einer Trennung berichtet. Er sei jetzt entlastet und schöpfe neuen Mut. Jedenfalls sei er nicht wirklich krank und lebe eigentlich im lebendigen Alltagsprozess und trüge selbst keine Schuld. Die Medikamente will er weglassen. Er schreibt jetzt ein Traumtagebuch.

Literaturtipp:

Bildunterstütztes Coaching. Fotos, Träume, Arbeitsplätze. ISDN: 978-3-89574-665-9

Was Träume sagen, wenn wir sie fragen. Nur im Selbstverlag

Information und Traumtelefon: Dieter Loboda, Im Flürchen 13, 56112 Lahnstein.

Supervisor grad., Buchautor, Gestalt- und Hypnotherapeut, Medical Journalist, Clowndoktor

www.mac-koblenz.jimdo.com  – Mittelrheinische Akademie für Coaching und Beratung ®

Tel: 02621 / 62186

[1]  http://www.zeit.de/wissen/2016-02/albert-einstein-gravitationswellen-physik-relativitaetstheorie-beweis-astronomie

Was wollen Träume uns sagen?
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