Autorin: Beate Wiemers

Was ist „typisch weiblich“ und was „typisch männlich“? Heutzutage scheint es so zu sein, dass eigentlich niemand mehr so genau weiß, was eigentlich darunter zu verstehen ist – abgesehen von gewissen Klischees, die eben auch nur Klischees sind. Wie Frauen und Männer gesehen und wahrgenommen werden, hängt vom so genannten Zeitgeist, der jeweiligen Herkunftsfamilie, der individuellen Erwartungshaltung und von vielen anderen „Brillen“ ab durch die das Umfeld „be-urteilt“ wird. So lässt sich das Thema auch durch eine psychologische, mythologische, soziologische, spirituelle und manch andere Brille betrachten. Es gibt unzählige Ansätze um Antworten darauf zu finden, was denn nun eigentlich Weiblichkeit und Männlichkeit ausmacht. Mit dem Thema macht man also ein ziemlich großes Fass auf und längst nicht alle Ideen und Konzepte dazu lassen sich auf ein paar Seiten beleuchten. Angesichts der Situation von Mutter Erde ist inzwischen immer häufiger von der Rückkehr zur weiblichen und männlichen Urkraft die Rede. Mit diesem Beitrag möchten wir Ideen davon vermitteln, was damit gemeint sein könnte.

urkraft

Vor nicht allzu ferner Zeit wurden Frauen wegen ihres Wissens denunziert, verfolgt und verbrannt. Frauen kämpften lange für Rechte, die Männer längst hatten, doch auch heute noch werden sie vielerorts für ihre Arbeit schlechter bezahlt als Männer. Nach dem Krieg waren es die Trümmerfrauen, die eine entscheidende Rolle dabei spielten wieder Ordnung ins Chaos zu bringen.  Frauen wurden lange als das „schwache Geschlecht“ bezeichnet und sogar Penisneid wurde ihnen unterstellt. Die meisten Kriege werden von Männern angezettelt, die meisten Pädophilen sind männlichen Geschlechts und laut Fachliteratur sind neun von zehn soziopathisch gestörten Persönlichkeiten ebenfalls Männer. Das alles heißt natürlich längst nicht, dass Frauen „besser“ und Männer „schlechter“ sind. Aber zumindest scheint da irgendetwas sehr aus dem Gleichgewicht geraten zu sein, denn so, wie die Welt aussieht, spiegelt sich in ihr das „männliche Prinzip“ stark wider, während das „weibliche Prinzip“ auf der Strecke zu bleiben scheint.

Im Wandel der Zeit

Die Wahrnehmung von Frauen in den 1950er Jahren war noch geprägt durch das Bild der zurückliegenden Jahrzehnte. Im Nationalsozialismus wurde die Frau in erster Linie in ihrer Funktion als Gebärmaschine und als Heimchen am Herd gesehen, während die Männer die Versorger der Familie waren. Die Konsequenz für Frauen waren ein Lebensverzicht und reduzierte Möglichkeiten um ihr Potenzial voll auszuleben. In den 1960er und 1970er Jahren wurde schließlich die sexuelle Befreiung propagiert, wobei sich die Frage stellt, ob es Frauen und Männer wirklich freier gemacht hat, dass das häufige Wechseln von Sexualpartnern plötzlich gesellschaftsfähig geworden war.

Die Emanzipation schließlich brachte sicherlich einige Errungenschaften für die Frauen, doch sie brachte es auch mit sich, dass Frauen männliche Verhaltensweisen annahmen, um sich in der nach wie vor männlich dominierten Welt behaupten zu können. Immerhin öffnete diese Entwicklung aber mehr Türen zu Räumen, die Frauen bisher nicht zugänglich waren. Es wurde nun Mode, dass Männer ihre Frauen zu Geburtsvorbereitungskursen begleiteten und bei der Geburt der Kinder anwesend waren. Der gesamte Prozess rund um Schwangerschaft und Geburt geriet allerdings auch zunehmend in die Hände von Männern, die in Arztpraxen und Kliniken nach wie vor die Mehrheit haben. Heute sieht es so aus, dass Hebammen immer mehr reglementiert und schwangere Frauen pathologisiert werden. Pharmaindustrie und medizinisches Establishment hatten eine neue Zielgruppe entdeckt. Von der pränatalen Phase über die Geburt bis hin zur Nachsorge sind Mutter und Kind inzwischen im Raster von Untersuchungen und Datenerhebungen. All das trug dazu bei, dass Frauen ihrer eigenen Intuition immer weniger trauten und sich „äußeren Autoritäten“, nämlich den Frauenärzten und Kliniken, anvertrauten. Dabei ist gerade die weibliche Intuition ein Merkmal weiblicher Urkraft, während die rein intellektuelle, pragmatische Herangehensweise eher Männern zugeschrieben wird.

Wenn die Intuition fehlt…

Was passieren kann, wenn es gerade an dieser (weiblichen) Intuition mangelt, zeigen viele Beispiele, die nahezu täglich in den Medien kursieren. Man erinnere sich an die – angebliche – Brust-OP von Angelina Jolie. Aus lauter Angst haben sich seinerzeit viele Frauen „rein prophylaktisch“ die Brüste abnehmen lassen und damit nicht nur ein äußeres Merkmal ihrer Weiblichkeit dem Messer ausgeliefert, sondern zudem noch eine riskante Operation mit wahrscheinlichen Folgekomplikationen in Kauf genommen. Auch die jüngsten Meldungen in Bezug auf Missbildungen bei Neugeborenen, die – angeblich – durch das Zika-Virus verursacht wurden, soll eine Reihe von schwangeren Frauen dazu bewogen haben „prophylaktisch“ abzutreiben. Was sie sich seelisch mit einer Abtreibung antun, ahnen diese Frauen sicherlich nicht entfernt. Aus der systemischen Familientherapie ist bekannt wie gravierend solch ein Eingriff nicht nur auf die Seele der werdenden Mutter und auch auf die des Vaters ist, sondern auch auf die es ungeborenen Kindes und das Familiensystem. Entwicklungen wie diese zeigen einmal mehr, wie dringend es darauf ankommt das „Weibliche“ und das „Männliche“ als schöpferische Kraft zu integrieren und vor allem, wie lebensnotwendig es ist, sich nicht in Panik versetzen zu lassen. Durch die Industrialisierung und den hochgelobten Fortschritt scheint sich der Mensch immer weiter von der Natur – und somit auch von Mutter Erde – abgekoppelt zu haben. Und diese Abkopplung von der Natur führt dann unweigerlich auch zur inneren Spaltung und einem Ungleichgewicht zwischen dem Urweiblichen und dem Urmännlichen in einem Menschen.

Wann ist ein Mann ein Mann und wann ist eine Frau eine Frau?

Soll ein Mann Macho, Frauenversteher oder Softie sein? Und eine Frau Diva, Kumpel oder Mutterersatz? Die Rollenidentitäten von Frauen und Männern wurden zunehmend brüchiger. Unsicherheiten gibt es auf beiden Seiten und die zeigen sich nicht zuletzt auch im Umgang mit dem Nachwuchs. Der wünscht sich in erster Linie Eltern, die sich lieben, wertschätzend miteinander umgehen und die sich in Erziehungsfragen weitgehend einig sind. Dass viele Frauen heute selbstständiger geworden sind, oftmals auch keinen Mann mehr als Versorger brauchen, dass sie ihre Ansprüche klarer artikulieren, hat Männer irritiert. Männer „von heute“ haben einen Teil ihrer früheren „Privilegien“ eingebüßt und sehen sich heute mit vielen Wünschen seitens der Frauenwelt konfrontiert oder empfinden das so. Einerseits sind sie vielleicht von selbstbewussten Frauen beeindruckt, fühlen sich aber von deren Erwartungen überfordert.

Viele Frauen erwarten heute von einem Mann, dass er seine Hemden selbst bügelt, zuhören kann, Präsenz zeigt, aber auch Ritterlichkeit, Entschlossenheit und Stärke, wenn es darauf ankommt. Und viele Männer erwarten von einer Frau, dass sie emotionale Stütze ist, sich (auch heute noch) in erster Linie für Kinder und Haushalt zuständig fühlt, dass sie repräsentativ ist, über Pflegequalitäten verfügt und auch in erotischer Hinsicht etwas zu bieten hat. So zumindest steht es häufig in Hochglanzmagazinen, die sich damit befassen, „Was Frauen bzw. Männer wünschen“.

Zurück zu den Wurzeln

Ute Strohbusch, Coach, Autorin und Bloggerin, schreibt: „Wir leben in einer Zeit großer Bewusstseinsveränderungen und -ausdehnung, spirituellen Wachstums und Erwachens, was uns eine völlig neue Art zu lieben schenkt, eine Transformation der Sexualität, eine Heilung unserer Beziehungen, nicht nur zum Partner. Immer mehr verstehen und erkennen wir uns selbst, und mit dem Verstehen lassen wir alles Wissen fallen, unser Ego, unsere Identitäten und Rollen und beginnen unser Menschsein zu leben… tief aus unserer Quelle heraus, mitten aus dem Herzen.“[1]

Dem weiblichen Prinzip werden u.a. Hingabe, Empfänglichkeit, Kooperationsbereitschaft, Heilung und Empathie zugeordnet, dem männlichen u.a. Ziel-, Leistungs- und Wettbewerbsorientiertheit, Kampfgeist sowie Strukturgebung. Idealerweise integriert ein Mensch weibliche und männliche Eigenschaften zunächst einmal in sich selbst, geht sozusagen eine Beziehung mit dem „inneren Partner“ ein, bevor er sich auf eine Beziehung „im Außen“ einlässt. Je „ganzheitlicher“ das gelingt, desto weniger Mangel besteht und desto weniger erhofft man sich die „fehlenden“ Eigenschaften von einem Gegenüber. Für all jene, die dazu mehr lesen möchten, sei der Blog von Ute Strohbusch empfohlen, die viele inspirierende Texte veröffentlicht.

Animus und Anima

Der amerikanische Psychiater und Psychoanalytiker Jeffrey Burke Satinover schreibt in einem Beitrag mit dem Titel „Eine Auseinandersetzung mit C. G. Jungs Anima und Animus“[2], Männlichkeit und Weiblichkeit seien die Grundpole der Schöpfung, die Gottes eigenes Wesen widerspiegelten. „Vor jeder menschlichen Männlichkeit und Weiblichkeit existent, bestimmen sie das menschliche Geschlecht und werden nicht von ihm bestimmt, wie wir oft annehmen. Die Beziehung zwischen männlich und weiblich bestimmt weitgehend die Natur und das Wesen aller Geschöpfe. Am sichtbarsten wird dies bei Schöpfungselementen, die aus zwei physisch unterschiedlichen Einzelwesen bestehen, wie zum Beispiel bei der Ehe. Doch gilt es genauso für die Beziehung weiblicher und männlicher Wesenszüge innerhalb jeder einzelnen Person. Es ist die polare Beziehung zwischen männlich und weiblich, diesen beiden präexistenten Wesenszügen, die das Wesen jedes Menschen, sowie Wesen und Qualität jeder Beziehung, ausmachen. Wir verstehen viel von einem Mann, wenn wir die Rolle, die die Männlichkeit in seinem Leben spielt, beschreiben können. Wie gibt er seiner Männlichkeit Ausdruck und wie nicht? Wie verhält er sich zu den weiblichen Wesenszügen in ihm? Schätzt er sie oder nicht, hat er sie in guter Weise angenommen oder projiziert er sie nach außen auf andere, liebt oder hasst er sie? Führen Männliches und Weibliches in ihm Krieg gegeneinander oder bereichern sie einander?“

Die innere Partnerin und der innere Partner

Jede Frau hat demnach männliche Anteile in sich und jeder Mann weibliche. Inwieweit Frauen und Männer ihre weiblichen bzw. männlichen Anteile integrieren, hängt nicht zuletzt davon ab wie ihr Verhältnis zu den eigenen Eltern war und wie sie ihre Mutter und ihren Vater erlebten. Aus der systemischen Familientherapie ist bekannt, dass ein beispielsweise unversöhnliches Verhältnis zu den eigenen Eltern maßgeblich die Fähigkeit beeinflusst selbst in einer harmonischen Beziehung leben zu können. Unbewusst werden dann oft Konflikte mit den Eltern in die eigene Beziehung getragen, wo man sie am jeweiligen Partner reinszeniert. Das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Eine Integration der jeweils weiblichen und männlichen Anteile setzt voraus, dass man sich seiner inneren Themen bewusst wird und sich, wie auch immer die Kindheit erlebt wurde, zumindest innerlich mit den Eltern versöhnt, wenn das real nicht immer möglich ist oder zu sein scheint.

Jeffrey Burke Satinover schreibt in seinem Beitrag weiter: „Wirkliche Männlichkeit – nicht einfach als transzendente Größe, sondern immanent, als sichtbare Wesenseigenschaft des Mannes – ist immer verbunden mit wirklicher Weiblichkeit. Die wesentliche Gabe des Mannes, zu führen und zu leiten, verbindet sich mit dem Wunsch die Bedürfnisse anderer emotional zu tragen und sich einzulassen. Dadurch wird der verletzte Mann – oft ein Zerrbild der Schöpfungsabsicht Gottes – zum wirklichen Mann. Und wirkliche Weiblichkeit – nicht einfach als transzendente Größe, sondern immanent, als sichtbare Wesenseigenschaft der Frau – ist immer verbunden mit wirklicher Männlichkeit. Die wesentliche Gabe der Frau, zu tragen und sich einzulassen, verbindet sich mit der Fähigkeit auf die höchsten Ziele hinzuweisen. So wird die verletzte Frau – oft ein Zerrbild der Schöpfungsabsicht Gottes – zur wirklichen Frau.“

Weitere Impulse zum Thema und Literaturtipps

In seinem Buch „Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft“ von Horst- Eberhard Richter, 2006 erstmals im Psychosozial-Verlag erschienen, geht der Psychoanalytiker u.a. auf verständliche Weise auf den „Allmachtsdrang“ der Männer und die daraus resultierende bzw. die ihm zugrundeliegende Haltlosigkeit ein sowie auf den (verdrängten) Selbsthass und die Projektion des Bösen auf ein hurenhaftes Frauenbild – ein spannendes Buch, das allen empfohlen sei, die sich zu diesem Thema inspirieren lassen möchten.

Auch sehr lesenswert ist das Buch „Muttersöhne“ von Volker Elis Pilgrim, in dem er Antworten auf die Frage zu finden versucht was Männer dazu veranlasst Gewalttaten zu begehen, Blutbäder anzurichten und die Welt zu zerstören.

Ein Klassiker, aber immer noch aktuell, ist das Buch „Der Eisenhans“ von Robert Bley, in dem der Autor das gleichnamige Märchen der Gebrüder Grimm zum Aufhänger nimmt, um daran die Entwicklung zur Mann-Werdung zu veranschaulichen und das innere männliche Dilemma mit der Weiblichkeit aus psychologischer Sicht beleuchtet. Ebenfalls ein Klassiker, aber eher an Frauen als Zielgruppe gerichtet, ist das Buch „Die Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estés. Die Psychologin interpretiert Märchen und Mythen mit Blick auf die Entwicklung der Weiblichkeit. „Lilith – Die Weisheit der ungezähmten Frau“ von Antonia Langsdorf ist ein neueres Werk am Literaturhimmel, das Frauen eine Fülle von Anregungen bietet, um authentisch zu leben.

Ron Smothermon, Psychiater-Kollege von C. G. Jung, beleuchtet Beziehungen zwischen Frauen und Männern in seinem Werk „Das Mann/Frau-Buch – Die Transformation der Liebe“ auf eine spirituelle und sehr spielerische Weise, ein Buch übrigens, das sehr zum Verständnis zwischen den Geschlechtern beiträgt und zu verstehen hilft, warum Frauen und Männer zu dem wurden, was sie sind.

Die Biologin und Publizistin Dagmar Neubronner schlussfolgert, dass geografische Regionen in denen Frauen viele Rechte haben und insgesamt sehr geachtet sind, über fruchtbarere Böden verfügen als Gebiete in denen das nicht der Fall ist. „Dieser Zusammenhang, der mir schon sehr früh aufgefallen ist, macht deutlich, wie wichtig es ist, dass das männliche und weibliche Prinzip in Ausgewogenheit miteinander verflochten sind, weil nämlich sonst buchstäblich die ganze Welt in Schieflage gerät.“ [3] Das ist ein Gedanke, der, führt man ihn weiter aus, die aktuelle Situation der (Um-)Welt aus einer ganz anderen Perspektive betrachten lässt. Schließlich ist immer wieder von „Mutter Erde“ die Rede. Was auf ihr gedeihen will, braucht Wurzeln und nährstoffreichen Boden einerseits (Mutteraspekt), aber auch Sonnenlicht (Vateraspekt) andererseits. Es gibt den Spruch: „Erst im Sturm erkennt man die Kraft eines Baumes“ – ein Baum, der stürmischen Zeiten standhält, muss gut verwurzelt sein, einen soliden Stamm haben und seine Zweige und Äste in den Himmel in Richtung Sonne strecken. Beides zusammen macht ihn stark. Übertragen auf das weibliche und das männliche Prinzip ist das ein Bild dafür wie wichtig es für die Transformation ist, dass wir unsere Ganzheitlichkeit, also unsere weiblichen und männlichen Anteile in uns selbst und somit bei unserem Gegenüber erkennen, integrieren und schätzen lernen.

 

[1]      http://www.utestrohbusch.de/2015/01/17/das-weibliche-und-m%C3%A4nnliche-urprinzip/

[2]      http://www.dijg.de/bulletin/04-2002-weiblichkeit-maennlichkeit/c-g-jung-anima-animus/

[3]      http://sixgen.com/tmp/Feminismus.pdf

Die Rückkehr zur weiblichen und männlichen Urkraft

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