Mit „Fußball. Halleluja!“ bewarb das Bremer Focke-Museum eine Sonderausstellung. Die Untertitel dazu lauteten: „Fußball ist mehr als ein Spiel. Fußball ist Leidenschaft. Fußball ist Kult. Fußball ist Religion.“ Im Ausstellungstext war zu lesen: „Religiöse Praktiken und Rituale in den Stadien, die heiligengleiche Verehrung von Fußballern und Fußball als wertevermittelnde Instanz waren ebenso Themen wie die Kommerzialisierung und politische Instrumentalisierung des Sports.“ In der Ausstellung ging es also durchaus um eine kritische Beleuchtung des Themas.

brotspiele

Bremen ist stolz auf seinen Fußballclub „Werder“ und wer hier oder in anderen Städten wohnt, in denen sich Fußballstadien befinden, weiß um die Wirkung der Veranstaltungen um das runde Leder auf jene, die im Stadium mit „ihren Idolen“ wetteifern.

„Halleluja“ ist übrigens die deutsche Transkription des hebräischen „hallelu-Jáh“, das sich darauf bezieht, den „Gott“ JHWH („Jahwe“) zu preisen. Räusper (…). „Die Sprache ist das Haus des Seins“ sagte Heidegger und „Am Anfang war das Wort“ steht in der Bibel. Insofern lohnt es sich, geläufige Worte und Begriffe einmal in Bezug auf ihren Ursprung zu untersuchen. Nähere Informationen zu „Jahwe“ finden all jene, die sich bisher noch nicht damit beschäftigt haben, u.a. in den Werken von Armin Risi und auch auf seiner Website[1].

Ballermann-Patrioten

Aber nun zurück zum Fußball. Spricht man einmal mit Fußballfans nach einem Spiel, fällt oft folgendes Phänomen auf. Hat die favorisierte Mannschaft gewonnen, heißt es „Wir haben gewonnen“. Hat sie hingegen verloren, sprechen die Fans oft davon „Die haben verloren“. Fußballfans neigen demnach dazu, sich mit den Gewinnern zu identifizieren und je mehr ihnen das eigene Leben die Möglichkeit verweigert, selbst heldenhaft in Erscheinung zu treten, desto mehr wird das Heldenhafte anscheinend auf „Stars“ projiziert. Man will ein wenig vom Glamour der Angebeteten profitieren, will dabei sein, mitreden können, gemeinsam schimpfen oder jubeln, bevor einen das – nicht immer, aber oftmals – profane Leben im Hamsterrad wieder einholt. Das ist menschlich und an sich nichts Schlechtes. Und Sport sowie sportliche Wettkämpfe sind sicherlich etwas Begrüßenswertes. Nachdenklich stimmt es jedoch, wenn man erlebt, wie beispielsweise die Fußball-WM Massen dazu veranlasst, in einen „Ballermann-Patriotismus“ zu verfallen und mit Deutschland-Fähnchen herumzuwinken.

2006 wurde die Deutschlandflagge mit der Fußball-WM erst so populär, wie nie zuvor in der Geschichte. „Schwarz-Rot-Gold“ auf Stoff, Plastik oder mit Schminke im Gesicht schmückte beinahe die ganze Nation – Menschen, private Haushalte, Gärten, Autos. Doch wohl kaum einem der fahnenschwenkenden Fußballfans dürfte bewusst sein, dass das Symbol eigentlich bedeutet. Wer sich für Historisches zur Deutschen Flagge wissen möchte, findet dazu im Internet eine Menge an Informationen[2],[3].


Nach-Gedachtes über Fußball

Bremen verfügt übrigens nicht nur über viele Fußballfans, sondern auch über ein paar nachdenkliche Professoren. Zwei davon sind Prof. Dr. Gerhard Vinnai und Prof. Dr. Johannes Beck. Aus einem Vortrag mit dem Titel „Fußballkult als Lebensersatz – Illusionäre soziale Bindungen und Fußballsport/Fußballleidenschaft als eingefrorene Pubertät“ vom 26.06.2006 an der Universität Bremen, sagte Prof. Dr. Vinnai u.a.: „Mit den folgenden Äußerungen will ich mich keineswegs auf elitäre Art von Fußballfans distanzieren. Auch ich freue mich als Bremer, wenn Werder Bremen ein Spiel gewinnt. Ich treibe selbst regelmäßig Sport, lese morgens den Sportteil der Zeitung und besuche ab und zu ein Fußballspiel im hiesigen Weserstadion. Das scheint es mir aber nicht zu rechtfertigen, dass man darüber den Verstand verliert und das kritische Nachdenken über den Fußballsport – besonders zur Zeit der Fußballweltmeisterschaft – unterlässt. Die Aufklärung als Bemühen um Mündigkeit fordert nicht zuletzt das kritische Nachdenken über eigene Vorlieben und Interessen und deren unter Umständen fatale Folgen.“

Der Fußballsport, so wie er heute zelebriert wird, erzeuge, so hieß es in dem Vortrag weiter, „einen von Illusionen gestifteten sozialen Raum. In diesem Raum könnten sich Menschen mit Hilfe von Phantasmen anstatt durch reale Beziehungen und Lebenszusammenhänge zueinander in Beziehung setzen. Er liefere damit einen fragwürdigen Ersatz für wirklichen sozialen Zusammenhalt. Da traditionelle soziale Bindungen abnähmen, „brauche“ die Gesellschaft einen stark emotional besetzbaren sozialen Kitt, der sie zusammenhalte. Diesen Kitt stelle nicht zuletzt der organisierte Fußballsport zur Verfügung.

 

Wo rohe Kräfte sinnlos walten…

In seinem Werk „Fußballsport als Ideologie“[4], erschienen in der Europäischen Verlagsanstalt, schreibt Prof. Vinnai zum heutzutage gefeierten Fußballwahn ferner: „Unter dem Schein der freien Entfaltung verhindert der Sport, dass der Körper dem lebendigen Genuss zur Verfügung steht, zementiert er das Realitätsprinzip einer Gesellschaft, die Körper und Seele von einer wildgewordenen Ökonomie ausbeuten lässt. Auf dem Sportplatz wird das reibungslose Funktionieren geübt, werden die Bedürfnisse so manipuliert, dass ihr subversives Moment nicht zum Tragen kommt: die Pseudoaktivität mit dem Lederball kanalisiert die Energien, die das ‚Gehäuse der Hörigkeit‘ sprengen könnten. Der Fußballsport erzieht den Typus Mann, der zum robusten Einsatz seiner Kräfte unter der Anleitung anderer bereit ist. Die gesellschaftliche Unvernunft begnügt sich nicht damit, falsches Bewusstsein auszusäen; sie programmiert die Psyche mit Mustern eines Verhaltens, das sich der Übermacht der Verhältnisse fügt – nicht zuletzt mit Hilfe des Sports. Für die Sportanhänger gilt die Maxime eines autoritätsfixierten, masochistischen Charakters, die das Fortbestehen repressiver, demokratisch nicht kontrollierter gesellschaftlicher Verhältnisse ermöglicht: ‚Sich quälen ohne zu klagen, ist die höchste Tugend, nicht die Abschaffung oder wenigstens die Verringerung des Leidens.‘ Die Tore auf dem Fußballfeld sind die Eigentore der Beherrschten.“

Diese Aussagen des genialen Denkers Prof. Vinnai kann man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen, wenn die Fußballfans mit ihren Maskottchen lauthals und meistens alkoholisiert in die Stadien drängen. Überlegungen dieser Art könnte man natürlich noch in viele Richtungen näher ausführen und würde dabei vor allem bindungspsychologische sowie auch weitere soziologische und politische Betrachtungsweisen einbeziehen können. Aber dieser Beitrag soll keine Diplomarbeit werden, sondern nur Gedankenanregungen anbieten.

Viele der wertvollen Aufsätze und Vortragsskripte von Prof. Dr. Vinnai sind übrigens auf seiner Homepage www.vinnai.de zu finden, eine Seite, die einen wahren Schatz an buchstäblich geist-reichen Informationen bietet.
„Fußball, Bier und vor allem Zocken füllte die Horizonte ihres Geistes. Sie unter Kontrolle zu halten, war nicht schwer.“ (George Orwell)

Apropos Geist: Der gemeinsame Geist, der sich – national wie international – spontan zu entfachen scheint, wenn spektakuläre Fußballspiele auf dem Plan stehen, ist für manche Menschen, die all dem nichts abgewinnen können, immer wieder ein Phänomen und man fragt sich dabei unwillkürlich, wieso dieser „gemeinsame Geist“ nicht die Flasche verlässt, wenn es darum geht, geschlossen und gemeinsam für Grundrechte im eigenen Land einzutreten. Aber, so wie Andreas Clauss von www.novertis.com einmal in einem seiner Vorträge sagte: „Wenn Dummheit und Ignoranz größer sind als der Schmerz, wird der Schmerz zunehmen!“

 

[1] http://armin-risi.ch/Artikel/Philosophie/Licht_und_Schatten_der_Gegenwart.html

[2] http://www.planet-wissen.de/gesellschaft/kommunikation/flaggen_und_fahnen/pwieschwarzrotgolddiedeutschlandflagge100.html

[3] Siehe ggf. Video-Beiträge, die in den Suchmaschinen unter „Sommers Sonntag“ zu finden sind

[4] http://www.vinnai.de/fussball.html

Brot und Spiele – Götzenanbetung Fußball
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