Autorin: Beate Wiemers

Die Berliner Regisseurin Cosima Lange begleitete David Helfgott auf seiner Konzertreise mit den Stuttgarter Symphonikern durch Europa und lässt das Publikum mit ihrem neuen Dokumentarfilm am faszinierenden Universum des Ausnahmepianisten teilhaben. David Helfgott spielt stets was er fühlt, er spricht aus was er denkt, er berührt die Menschen – im wahrsten Sinne des Wortes. Der Spruch „Werdet wie die Kinder“ kommt einem unweigerlich in den Sinn, wenn man David Helfgott auf der Leinwand erlebt. Dank Cosima Lange ist ein empathisches und bezauberndes Kaleidoskop seiner Persönlichkeit entstanden, das die pure Lebensfreude eines hochtalentierten Musikers vermittelt, der elf Jahre seines Lebens in der Psychiatrie verbrachte.

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»David denkt an Flüsse und Bäume, an den Himmel und die Vögel, wenn er spielt. Es sind nicht die Noten, die ihm durch den Kopf gehen, es ist die Musik, die ihn in seinem ganzen Sein durchdringt. Darum hat sie diese Farben«, sagt Gillian Helfgott über ihren Ehemann.

David Helfgott wurde 1947 als Sohn polnisch-jüdischer Eltern in Melbourne geboren. Als Wunderkind am Klavier gefeiert, bestätigt David als junger Mann seinen Ruf als Meisterschüler am Royal College of Music in London. 1970 allerdings, kurz nachdem er mit dem 3. Klavierkonzert von Rachmaninow in der ausverkauften Royal Albert Hall triumphierte, erleidet er einen Nervenzusammenbruch. In Australien wird eine schizoaffektive Störung diagnostiziert. Mehr als ein Jahrzehnt seines Lebens spielt sich anschließend in psychiatrischen Kliniken ab. Später arbeitet er als Barpianist in einer Weinbar in Perth. Die große Wende kommt als David 1984 Gillian kennen lernt, seine große Liebe. Mit ihrer Hilfe kehrt er ins Leben zurück – und findet das wieder, worum er so lange gekämpft hat: seine „innere Musik“.

Von nun an geht es bergauf: 1986 kehrt David auf die Konzertpodien zurück und 1996 macht ihn Scott Hicks Oscar-prämierter Film „Shine“ weltberühmt. Das Spirit of Health-Magazin sprach mit Regisseurin Cosima Lange über ihre Motive für den Film, ihre Erlebnisse während der Dreharbeiten und darüber, ob und wie das Zusammensein mit David Helfgott ihr eigenes Leben verändert hat.

SoHM: Cosima, wann und wie hast du erstmals von David Helfgott erfahren?

Cosima Lange: Ich habe 1997 – wie viele Menschen mit mir – den Film „Shine“ gesehen und war tief berührt von diesem traurig-mutigen Wunderkind. Ich kann mich auch noch gut an die Oscar-Verleihung erinnern, als David eine eigenwillige Interpretation des Hummelflugs darbot und vom Publikum Standing Ovations erntete. Später habe ich noch einige Artikel über den so genannten „wahren“ David Helfgott gelesen. Der „Spiegel“ titelte damals „Elfentanz im Jammertal“ und merkte an, dass sein Umfeld David ausnützen würde und ein Mensch mit so einer Krankheit nicht öffentlich spiele dürfe. Ich weiß noch sehr genau, wie mich diese Aussagen  irritierten, weil ich ein ganz anderes Gefühl hatte. Noch nie zuvor war mir ein Musiker aufgefallen, der so glücklich und selbstvergessen in seiner Musik aufging und damit die Herzen vieler Menschen erreichte.

SoHM: Wie kamst du dann darauf, einen Dokumentarfilm über ihn zu machen?

Cosima Lange: Das ist eines dieser Wunder des Lebens. David Helfgott hatte ich während all dieser Jahre aus den Augen verloren, bis mich ein guter Freund, Walter Schirnik, auf ihn ansprach. Walter hatte vor David Helfgott auf Konzerttournee zu holen und von seinem neugegründeten Orchester, den Stuttgarter Symphonikern, begleiten zu lassen. Er sollte das 3. Klavierkonzert von Rachmaninoff spielen, eines der schwersten Klavierkonzerte – wenn nicht das schwerste – und sein „Schicksalswerk“.  Rach 3 hatte ihn berühmt gemacht – und zuvor zu Fall gebracht. Als Jugendlicher hatte er sich an dem Stück abgearbeitet, aufgerieben – aber er liebt es.

Die Idee war, dass ich David Helfgott während seiner Konzerttour filmisch begleite. Mir war sofort klar, dass der Schlüssel zum Erfolg seine Ehefrau Gillian sein würde. Sie musste überzeugt werden, dass ich einen solchen Dokumentarfilm drehen darf. Denn ich wollte keinen Konzertfilm machen, sondern ein Porträt über den Pianisten und Menschen David Helfgott, was bedeutete, das Ehepaar Helfgott auch im kompletten Alltag zu begleiten. Verständlicherweise ist Gillian sehr vorsichtig, wenn es um das Privatleben geht – zu viel Unschönes und Falsches wurde bereits geschrieben. Die erste Begegnung fand dann in Zürich statt.

SoHM: Und wie spielte sich diese Begegnung ab?

Cosima Lange: Es war Liebe auf den ersten Blick mit dem Ehepaar Helfgott! Ich war einen Tag zuvor aus Indien zurückgekehrt und hatte sofort ein Gesprächsthema mit Gillian, die mit der dortigen Kultur sehr vertraut ist. Beide luden mich in die Toskana ein, um dort ein paar gemeinsame Tage zu verbringen und um uns näher kennen zu lernen. Neben dem Klavierspiel liebt David es zu schwimmen. Und so sind wir stundenlang geschwommen oder Händchen haltend durch die Natur gelaufen. Das darf man nicht falsch verstehen; David braucht die Nähe und den körperlichen Kontakt. Nach dem langem Aufenthalt in den Nervenheilanstalten hat er sich angewöhnt jeden berühren zu müssen. Völlig wildfremdem Menschen schüttelt er die Hände oder umarmt sie. Nachts hat sich das Haus in einen Konzertsaal verwandelt. Mit Bademantel bekleidet spielte David bis in die frühen Morgenstunden Klavier… Ich bin abgereist mit der Gewissheit einen Film über diesen Ausnahmekünstler drehen zu wollen, der dieses große Geschenk im Leben erhielt eine Frau an seiner Seite zu haben, die ihm ermöglicht sein Glück zu leben.

SoHM: Von der Idee bis zum letzten (Drehtag) Schnitt-Tag – was waren die entscheidenden Hürden für dich als Regisseurin?

Cosima Lange: Nachdem ich das Vertrauen der Helfgotts erhalten hatte, sie fast zwei Monate quer durch Europa begleiten zu dürfen, galt es den Film zu finanzieren. Doch auch das wurde gemeistert, wenn auch mit einem schlanken Budget. Den größten Respekt hatte ich vor Davids unglaublicher Spontaneität: normalerweise laufen dir deine Protagonisten nicht davon, aber mit David kann einem das schon mal passieren. David liebt alle Arten von koffeinhaltigen Getränken und rennt dann auch schon mal jemandem mit einem „Coffee to go“ hinterher, um ihm den abzuschwatzen. Gillian hat mich aber beruhigt indem sie meinte, dass David nie ganz verloren geht – und das sollte sie nach 30 Jahren Ehe am besten wissen. Zudem war es schwierig David dem Publikum verständlich zu machen. David spricht alles aus was er denkt und redet in stakkatohaften Sätzen, und die vollendet er auch nicht immer. Diese Gedankenflut galt es filmisch einzufangen und die so weisen Sätze darunter herauszufiltern. Eine große Herausforderung lag auch im Schnitt des Films. Man soll David hautnah erleben und dennoch darf es nicht voyeuristisch wirken. Wie sagt man so schön „die Würde des Menschen ist unantastbar“. Gillian und David haben bei der Premiere des Films in Berlin gelacht und geweint – vor Freude. Darüber bin ich glücklich.

SoHM: Im Film sind einige Szenen zu sehen in denen du zusammen mit David zu sehen bist, etwa beim Tanzen oder Schwimmen. Er scheint eine wahrhaft ansteckende Lebensfreude zu haben. Wie hast du das empfunden?

Cosima Lange: In der Tat! Davids Lebensfreude ist im besten Sinne ansteckend und berührend. Keiner kann sich ihr entziehen. Für mich war es eine völlige neue Situation den Platz hinter der Kamera zu verlassen und Teil des Films zu werden. Doch bereits vor den Dreharbeiten war mir klar, dass ich mich darauf einlassen und mich in seine Welt begeben würde. Er zieht einen regelrecht hinein und ermahnt einen immer wieder im Hier und Jetzt zu leben. Und dort findet man dann auch die Freude, weil die Vergangenheit vergangen ist und die Zukunft noch nicht geschrieben. Natürlich ist es ungewohnt so viel körperlichen Kontakt zu seinem  Protagonisten zu haben, aber das ist David – David umarmt die ganze Welt und lässt keinen unberührt. Zumindest habe ich niemanden erlebt, der seine Umarmung – nach kurzer anfänglicher Irritation – nicht erwidert hätte.

SoHM: Wenn du zurückblickst – welchen Einfluss hatte der Film bzw. das Ehepaar Helfgott auf dich persönlich?

Cosima Lange: David ist ein Katalysator; er wühlt auf. Für mich war es wichtig auszudrücken welcher Wert im „Anderssein“ liegt. David und Gillian entsprechen so gar nicht der Norm und bereichern dadurch meinen Blick auf das Leben. Denn was ist eigentlich normal? Und will man überhaupt normal sein? Beide haben den Schlüssel zum Glück gefunden und das ist die Dankbarkeit. David hat Heilung erfahren, weil er nach vielen Jahren mit Hilfe von Gillian gelernt hat auf das zu schauen was er hat und nicht auf das, was er nicht hat. Sein tyrannischer Vater hat ihm sehr weh getan, aber er hat ihm auch das schönste Geschenk gemacht: Er hat ihm das Klavier gekauft als die Eltern noch nicht einmal Möbel besaßen. David macht keine Musik – er ist die Musik. Es ist pure Freude seinem Spiel zu lauschen, das er selbst kommentiert, bei dem er mitsummt und einfach im Moment lebt.

SoHM: Du arbeitest an einem weiteren Dokumentarfilm mit dem Titel „Pioneers of Dawn“, zu dem es auf der Seite www.pioneersofdawn.com bereits einen Trailer gibt. In dem Film geht es um Auroville und die dort lebenden Menschen. Um was geht es dir dabei noch?

Cosima Lange: In dieser Zukunftsstadt leben über 2.500 Menschen aus mehr als 45 Nationen, die versuchen, fernab von allen religiösen und politischen Bekenntnissen eine neue Form des Zusammenlebens zu finden. Auf Schritt und Tritt begegnet man hier hohen Idealen, aber auch dem schmerzvollen Scheitern. Die Alltagsrealität existiert eben auch. Doch es wird wieder aufgestanden und weiter geforscht. Das imponiert mir. Letztendlich haben die Utopien den Menschen evolutionär weitergebracht. Mir geht es ums Erforschen des Menschseins.

SoHM: Widmest du dich als nächstes der Realisierung dieses Dokumentarfilms oder hast du andere Pläne?

Cosima Lange: Gerne möchte ich bald nach Auroville zurückkehren, doch ich brauche noch einen Augenblick, um wieder frei für neue Projekte zu sein. Wenn man drei Jahre so intensiv mit einem Projekt beschäftigt ist, fällt das Loslassen schwer.

SoHM: Wir danken dir für das Gespräch und wünschen dir weiterhin viel Erfolg!

„Hello I am David – Eine Reise mit David Helfgott“

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