Autor: Bernd Senf

Folge 2 (von 5)

Der folgende Artikel ist Teil einer umfassenden Arbeit, in der der Zusammenhang zwischen zerstörter Selbstregulierung und Abhängigkeit als gemeinsames Funktionsprinzip von Herrschaft in unterschiedlichen Bereichen herausgearbeitet werden soll. Dabei plane ich – über die hier behandelten Bereiche hinaus – die Herausarbeitung folgender Zusammenhänge.

III. Zerstörte Selbstregulierung durch pränatale Einflüsse. Als lebenswichtig für die gesunde Entwicklung eines Organismus hat Reich die bioenergetische Erregungsfähigkeit und die Fähigkeit zur bioenergetischen Entspannung aufgedeckt. Die bioenergetische Erregung ergibt sich aus dem bioenergetischen (»orgonotischen«) Kontakt zu anderen lebenden Organismen bzw. orgonotischen Systemen, d. h. aus der Überlagerung und wechselseitigen Durchdringung der jeweiligen Felder von Lebensenergie. Für das im Mutterleib heranwachsende Kind ist die erste soziale Umgebung und somit die erste bioenergetische Erregungsquelle die Gebärmutter.[1]

TRIEBUNTERDRÜCKUNG, ZERSTÖRTE SELBSTREGULIERUNG UND ABHÄNGIGKEIT

Ist nun der Bauch der Mutter aufgrund der oben angedeuteten Zusammenhänge stark gepanzert und dadurch bioenergetisch geschwächt, so erfährt das heranwachsende

Kind in der bioenergetischen Überlagerung seines Feldes mit dem der Gebärmutter eine herabgesetzte Erregung, das heißt emotional eine verminderte Lust und Freude. Die mit bioenergetischer Erregung einhergehende Expansion des Zellplasmas unterbleibt und der Organismus des Kindes zieht sich im wahren Sinne des Wortes aus einer solchen für das Lebendige frustrierenden Umgebung zurück – durch bioenergetische und plasmatische Kontraktion.

Je früher die Tendenz zur Kontraktion gelegt wird, umso schwerer kann der heranwachsende Mensch später »aus sich herauskommen«. Der emotionale Rückzug und die emotionale Verschlossenheit können bereits hier in ihrem Kern angelegt werden. Die Angst vor emotionaler Wiederbelebung z. B. in der Therapie und das Sträuben gegen eine entsprechende Gesundung sitzen später umso tiefer. Reich hat im Zusammenhang mit der Behandlung von Krebspatienten verschiedene Anhaltspunkte dafür gewonnen, dass ihre tiefsitzenden emotionalen Panzerungen, die schließlich den Hintergrund für den Zusammenbruch der bioenergetischen Funktionsfähigkeit des Organismus und für die Entstehung von Tumoren bildeten, bis in die pränatale Phase zurückreichten.

IV. Zerstörte Selbstregulierung durch traumatische Geburt

Je stärker die Panzerungen der Mutter im Bauch- und Beckenbereich, umso größere Komplikationen können sich im Zusammenhang mit der Geburt ergeben. Ganz abgesehen von der Gefahr von Fehlgeburten oder Frühgeburten wird das Kind durch einen mehr oder weniger verkrampften Geburtskanal hindurchgepresst, was für Mutter und Kind mit furchtbaren Schmerzen verbunden ist – jedenfalls dann, wenn die Mutter nicht mit entsprechenden geburtsvorbereitenden Übungen und Methoden gelernt hat sich in der Phase der Geburt emotional und körperlich fallen und treiben zu lassen und ihre Panzerungen zu lockern.

1) Traumatische Geburt und Augenblockierung des Kindes

Für das Kind, das in der normalen Lage mit dem Kopf voran durch den Geburtskanal gepresst wird, ergeben sich bei einer gepanzerten Geburt unerträgliche Schmerzen vor allem im Bereich der oberen Kopfhälfte. Je schlimmer diese Schmerzen, umso stärker wird sich das Kind in diesem Bereich panzern – durch Kontraktion der entsprechenden Muskulatur und des Gewebes.

In seiner therapeutischen Behandlung von Schizophrenen hat Reich immer wieder beobachtet, dass der Erstarrung der oberen Kopfhälfte einschließlich der Augenmuskulatur eine besondere Bedeutung im psychotischen Schub zukommt. In der Phase des psychotischen Schubs und des damit verbundenen Zusammenbruchs von Kontakt zur äußeren Realität hatten Psychotiker immer wieder einen starren Blick angenommen und die Augen schließlich nach oben weggedreht. Auch die übrige Muskulatur der oberen Kopfhälfte, bei Psychotikern ohnehin schon außerordentlich stark gepanzert, wurde während des psychotischen Schubs vollkommen starr. Reich vermutet, dass diese extreme Panzerung der oberen Kopfhälfte, nach seinen Erfahrungen der Kern der schizophrenen Struktur, zurückgeht bis auf die für das Kind schmerzhafte und traumatisch verlaufene Geburt.

Wird in einer für die Mutter zu schmerzhaften Situation mit medizinischen Mitteln künstlich eingegriffen, z. B. durch Betäubung oder Kaiserschnitt, so ergibt sich für das Kind zusätzlich ein emotionaler Schock: In einer so wichtigen Phase wie der der Geburt, wo das Kind die mehr oder weniger geborgene, weiche, warme und schützende Umgebung des Mutterleibs verlässt und den Weg hin zur körperlichen Abnabelung und zur eigenen Individualität geht, bricht der emotionale Kontakt zwischen Mutter und Kind zusammen. Das Kind fühlt sich in einer solchen Situation emotional vollständig verlassen und zieht sich in sich zurück.

Dabei scheint dem emotionalen Rückzug über die Augen – vermittelt über eine Blockierung der Augenmuskulatur – eine besondere Bedeutung zuzukommen. Reich und seine Mitarbeiter vermuten, dass die Augen bei der emotionalen Kontaktaufnahme des Kindes mit der Außenwelt eine wichtige Rolle spielen. Die Augen sind demnach nicht nur Sinnesorgane, die in der Lage sind optische Eindrücke wahrzunehmen, sondern darüber hinaus auch emotionale Sinnesorgane, sozusagen bioenergetische Sender und Empfänger. Das Kind erblickt mit den Augen nicht nur »das Licht der Welt«, sondern tritt mit ihnen auch in einen bioenergetischen Kontakt zu seiner Umgebung. Wenn es aber durch die furchtbaren Erfahrungen bei der Geburt oder auch kurz danach den emotionalen Rückzug antritt, kommt es nur zu einer sehr eingeschränkten bioenergetischen Kontaktaufnahme über die Augen. Die Augen werden blockiert, ihr emotionaler Ausdruck strahlt nichts aus, sondern der Blick zieht sich nach innen zurück.

Diese Tendenz wird verstärkt durch eine Umgebung bei der Geburt, die vom Kind als kalt, starr, künstlich, störend und schmerzhaft erlebt wird. Die übliche Atmosphäre in den Entbindungsstationen der meisten Kliniken wird von den Neugeborenen als furchtbarer Schock erlebt – selbst dann, wenn sie ansonsten ohne größere Komplikationen geboren wurden: Gleißendes Licht, weiße Kittel, weiße Wände, sterile Umgebung, oft starre und lieblose Augen, tote Apparate. Nichts, was die Sinnlichkeit des Kindes anregen könnte. Stattdessen schnelle Abnabelung von der Mutter, Zerreißen des emotionalen und Körperkontakts, Aufhängen an den Füßen, Schlagen auf den Po, Einträufeln von Silbernitratlösung in die Augen, was sehr schmerzhaft ist. Die Augen, diese sinnlichen Organe der ersten Kontaktaufnahme mit der Umwelt, werden emotional und körperlich schockiert und gequält. Und dann folgt oft das Wegreißen von der Mutter: Im Mutterleib noch der totale Hautkontakt, das totale Gestreicheltwerden und die damit verbundene bioenergetische Erregung, und jetzt auf einmal nichts mehr, kein Hautkontakt mehr, eingewickelt werden, isoliert werden, in einem anderen Raum, oft stundenlang, endlos lang.

Alle diese Einflüsse kommen zusammen und führen dazu, dass das Kind sich von dieser furchtbaren Welt, in die es hineingeboren und von der es auf so schreckliche Art empfangen wurde, zurückzieht. Zurück in den Mutterleib geht nicht, woandershin fliehen geht auch nicht, es bleibt nur der emotionale Rückzug nach innen, die Flucht vor der äußeren Realität. Die Forschungen von Reich und seinen Mitarbeitern, insbesondere im Zusammenhang mit der Behandlung von Schizophrenen, deuten darauf hin, dass die Blockierung der Augen und der entsprechenden Muskulatur diesen emotionalen Rückzug körperlich verankert.

[1]     Der vollständige Beitrag erschien im Jahre 1984 in der Zeitschrift »emotion«.

TRIEBUNTERDRÜCKUNG, ZERSTÖRTE SELBSTREGULIERUNG UND ABHÄNGIGKEIT

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