Autorin: Beate Wiemers

Organspende ist ein heikles Thema und somit auch eines, das sehr kontrovers diskutiert wird. Wie würde man sich selbst verhalten, wenn das Leben des eigenen Kindes beispielsweise von der Transplantation eines Spenderorgans abhinge? Ob man für oder gegen etwas ist, hat meistens viel damit zu tun, inwieweit man selbst betroffen ist oder nicht. Das ist so ähnlich wie beim Thema Sterbehilfe. Doch unabhängig davon, ob man Organtransplantationen nun generell befürwortet oder ablehnt – es sind viele Beispiele bekannt, die den laschen Umgang bis hin zum Missbrauch auch in diesem Bereich dokumentieren. Und nicht nur das: Hirntot zu sein bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Leben damit bereits zu Ende ist.

Organspende – das Geschäft mit dem Überleben

Eines liegt zumindest auf der Hand: Der Handel mit Organen ist ein lukratives Geschäft. Daher dürften Transplantationen als „Therapieoption“ künftig ärztlicherseits als Empfehlung zunehmen. Nach der Operation blüht den Transplantierten, dass sie für den Rest des Lebens immunsuppressive Medikamente einnehmen müssen, damit der Organismus das Fremdorgan nicht abstößt. Diese Menschen bleiben also zeitlebens (zahlende) Patienten.

„Materialbeschaffung“

Die europäische Datenbank der Stiftung „Eurotransplant“ in Leiden (Niederlande) pflegt eine Warteliste auf der sich Patienten eintragen lassen können, die auf ein Spenderorgan warten. Diese Stiftung ist für die Zuteilung von Spenderorganen in Deutschland, Belgien, Kroatien, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich und Slowenien verantwortlich. Auf der zentral geführten Warteliste stehen ca. 15.000 Personen. Der Bedarf ist also groß.

Mittels groß angelegter Werbekampagnen wird die Bevölkerung dazu motiviert, sich einen Organspendeausweis zuzulegen[1]. Das Leben anderer Menschen zu retten, ist dabei die zentrale Botschaft.Aufklärungsfilme“, wie beispielsweise der Spot „Entscheidend ist die Entscheidung“[2], sollen besonders schon junge Menschen dazu motivieren sich als Organspender zur Verfügung zu stellen. Wer seine Organe spendet, wird in diesem Film als Held gefeiert.

Papier ist geduldig – das gilt auch für Gesetze

Zurückliegende Skandale zeigen bereits heute, dass Ärzte zuweilen nachhelfen, um bestimmten Patienten schneller zu einem Spenderorgan zu verhelfen. Die große Nachfrage nach Organen einerseits und der Mangel daran andererseits wirft somit die Frage auf, wie schnell ein potenziell als Organspender in Frage kommender Mensch für „hirntot“ erklärt wird. Bedingung für eine Organentnahme bei Spendern ist nämlich immer der Hirntod. Und der wird definiert als Zustand des irreversiblen Erloschenseins aller Funktionen des Groß- und Kleinhirns sowie des Hirnstammes (Ausfall der gesamten Hirnfunktionen) bei einer „durch kontrollierte Beatmung noch aufrechterhaltenen Herz- und Kreislauffunktion“. Aus ethischer Sicht stellt sich hierbei allerdings die Frage, ob jemand als „verstorben“ betrachtet werden kann, wenn sein Herz noch schlägt – auch wenn die Herzfunktion nur noch durch Geräte aufrechterhalten wird.

Nach dem Transplantationsgesetz müssen zumindest zwei Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod des Spenders feststellen bevor Organe von Spendern entnommen werden dürfen. Dass sich Ärzte im Klinikalltag aber nicht einmal immer einig in Bezug auf die Hirntod-Diagnose sind, zeigt ein Beispiel, das sich im Dezember 2014 im Klinikum Reinkenheide in Bremerhaven ereignete. Dort musste eine Organentnahme abgebrochen werden, weil plötzlich an der Hirntod-Diagnose Zweifel aufkamen. Das Klinikum wies später alle Vorwürfe zurück und hielt das Verhalten der entsprechenden Ärzte für einwandfrei. Eine Krähe hackt schließlich der anderen kein Auge aus, und schon gar nicht, wenn der Ruf einer Klinik auf dem Spiel steht, denn für Krankenhäuser, die im Laufe der letzten Jahre zunehmend privatisiert wurden, gilt genau das, was auch für andere Unternehmen gilt: Die Bilanzen müssen stimmen, was u.a. auch daran erkennbar ist, dass viele Krankenhäuser ihre Dachflächen an Mobilfunkbetreiber für die Installation von Antennen vermieten. Aber das wäre ein anderes Thema…

Offizielles…

Was besagt überhaupt das Transplantationsgesetz (TPG)? Es regelt seit 1997 in der Bundesrepublik Deutschland die Zulässigkeit von Organspenden sowohl beim Lebenden als auch dann, wenn der Hirntod festgestellt wurde. „Es gilt die erweiterte Zustimmungslösung, d.h. ohne Zustimmung des Spenders oder der nächsten Familienangehörigen (im Falle des Hirntodes) ist eine Organentnahme nicht zulässig. Mit dem Gewebegesetz vom 20. Juli 2007 ist das Gesetz auch auf menschliches Gewebe und fötale Organe (§ 4a) anwendbar. Obwohl auch Blut als Organ gilt, ist das Transplantationsgesetz für Blut, Blutbestandteile und Blutprodukte nicht anwendbar. Für diese gilt das Transfusionsgesetz. Das Transplantationsgesetz wurde am 25. Juni 1997 vom Deutschen Bundestag verabschiedet und trat, nachdem der Bundesrat am 26. September zugestimmt hatte, im Wesentlichen zum 1. Dezember des Jahres in Kraft.“ (Quelle: Wikipedia)

2012 kam es zu einer Novellierung des Gesetzes, in der EU-rechtliche Vorgaben umgesetzt wurden. „Damit werden in Europa einheitliche und klar gesetzlich festgelegte Standards für die Qualität und Sicherheit der Organtransplantation hergestellt“, heißt es offiziell.[3] Die Absicherung von Lebendspenden soll umfassend geregelt und Menschen ab 16 sollen regelmäßig informiert werden. Daraus lässt sich folgern, dass Lebendspender zunehmend als Zielgruppe in Betracht kommen. Die Versuchung, Organe zu spenden, dürfte künftig demnach gerade für sozial schwache Menschen verführerisch sein. Und das könnte Konsequenzen haben, die man sich nicht ausmalen möchte mit Blick auf die Tendenz, dass ein kleiner Teil der Bevölkerung immer wohlhabender wird, während viele andere am Rande des Existenzminimums leben.

Grauzonen

Der Deutsche Bundestag lehnte eine Widerspruchsregelung als Bestandteil dieses Gesetzes ab. Im Zuge solch einer Regelung dürften Organe auch gegen den Willen der Angehörigen „hirntoter Menschen“ entnommen werden, wenn der Verstorbene einer Organentnahme nicht bereits zu Lebzeiten ausdrücklich widersprach. Solch ein Widerspruch muss allerdings in einem entsprechenden Widerspruchsregister dokumentiert sein.

Diese Widerspruchsregelung gilt aber in vielen anderen europäischen Ländern. Eine so genannte „Erweiterte Zustimmungsregelung“ gilt darüber hinaus in sechs europäischen Staaten. Konkret heißt das, dass deutschen Touristen, deren Einwand nicht im Widerspruchsregister des Gastlandes dokumentiert wurde, posthum alle möglichen Organe entnommen werden können, wenn sie zum Beispiel im Urlaub in Frankreich, Italien, Lettland, Liechtenstein, Luxemburg, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, der Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Zypern das Zeitliche gesegnet haben. Aber welcher Tourist denkt schon vor seiner Reise an so einen Fall? Derzeit haben nur in Belgien, Finnland und Norwegen Angehörige Verstorbener noch die Möglichkeit des Widerspruchs. In Bulgarien gibt es nicht einmal ein Widerspruchsrecht, sondern eine „Notstandsregelung“ und ob ein Notstand vorliegt, wird dann vor Ort entschieden, d.h. dort können Ärzte Organe nach Gutdünken entnehmen.

Vamos a la playa mit Organspende-Ausweis?

Spanien ist übrigens „ganz weit vorne“ im Big Business Organspende. Die Süddeutsche Zeitung berichtete am 20.4.2012[4] unter dem Titel „Spanien – Prämien für Ärzte“ wie folgt: „Spanien ist weltweit Spitzenreiter bei der Organspende, die Rate liegt doppelt so hoch wie der europäische Durchschnitt. Eine ganze Reihe von Gründen dürfte für die Spitzenposition verantwortlich sein, unter anderem die intensive Schulung der Ärzte und die Existenz von Spende-Koordinatoren in fast allen Kliniken. Daneben gibt es aber auch Praktiken, die ethische Bedenken aufwerfen. So bekommen die Mediziner einiger Kliniken Prämien für Organspenden. Das ist umso bedenklicher, da die Spenden-Koordinatoren gleichzeitig als Ärzte Kranke behandeln. Im Extremfall kann es vorkommen, dass ein Intensivmediziner einen Kranken mitbetreut, ihn gleichzeitig als potenziellen Organspender identifiziert, den Ablauf der Spende koordiniert – und dafür einen Bonus erhält.“

Skandale

Seit sich die Transplantationsmedizin etabliert hat, gibt es natürlich auch Skandale, denn was technisch möglich ist, wird eben auch ausgenutzt. So sorgte die Alder Hey-Kinderklinik in Liverpool 2001 in den Medien für Aufsehen, weil dort von 1988 bis 1995 Organe von mehr als 850 Kindern ohne Zustimmung der Eltern entnommen worden waren. Kinderleichname waren teilweise regelrecht ausgeschlachtet worden.

In 2015 kursierten monatelang Meldungen in der Presse über Manipulationen an Patientendaten durch Ärzte, um die Notwendigkeit eines Spenderorgans für bestimmte Patienten gegenüber Eurotransplant als dringlicher erscheinen zu lassen. Wie sich zeigte, war der Anteil der Privatpatienten, deren Daten frisiert wurden, auffällig hoch. Besonders erschreckend ist, dass nicht gerade wenige Kliniken in den Verdacht der Datenmanipulation gerieten. In Göttingen, Regensburg, München, Heidelberg und Leipzig sollen Mediziner Krankendaten gefälscht haben.

Wenngleich die gegenwärtigen gesetzlichen Vorgaben Kriterien beinhalten, die einzuhalten sind, zeigen also diverse Skandale, dass Gesetze und Regelungen, wie so oft im Alltag, umschifft werden, wenn es Möglichkeiten dazu gibt – und Menschen bereit sind diese Möglichkeiten auszunutzen. Erfahrungsgemäß sind jene Fälle, die ans Licht der Öffentlichkeit kommen, sowieso nur die Spitze des Eisbergs und über Dunkelziffern lässt sich nur mutmaßen. In dieser Ausgabe des Spirit of Health-Magazins wollen wir unser Augenmerk aber nicht auf einzelne Skandale richten, sondern das komplexe Thema Organspende von mehreren Seiten beleuchten, um die Entscheidung für oder gegen einen Organspendeausweis mittels vieler, teils vielleicht auch neuer Informationen zu erleichtern

[1] http://www.focus.de/politik/deutschland/gesundheit-regierung-will-buerger-fuer-organspende-gewinnen_aid_719682.html

[2] https://www.youtube.com/watch?v=1ErfqrPw_vg

[3] http://www.bmg.bund.de/presse/pressemitteilungen/2012-03/neuregelung-zur-organspende.html

[4] http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/neues-transplantationsgesetz-wie-andere-laender-an-spenderorgane-kommen-1.1336448-5

Organspende – das Geschäft mit dem Überleben

Schreibe einen Kommentar