Autor: Bernd Senf

Folge 1. (von 5)

Der folgende Artikel ist Teil einer umfassenden Arbeit, in der Zusammenhang zwischen zerstörter Selbstregulierung und Abhängigkeit als gemeinsames Funktionsprinzip von Herrschaft in unterschiedlichen Bereichen herausgearbeitet werden soll. Dabei plane ich – über die hier behandelten Bereiche hinaus – die Herausarbeitung folgender Zusammenhänge:

 

Triebunterdrückung zerstörte Selbstregulierung Abhängigkeit

Die Zerstörung selbstregulierten Lernens und Abhängigkeit von äußerem Leistungsdruck bzw. –anreiz, die Zerstörung selbstregulierten Arbeitens und Abhängigkeit von äußerem Druck bzw. materiellem Anreiz, die Zerstörung selbstversorgender Naturalwirtschaften und Abhängigkeit von Warenproduktion und kapitalistischem Weltmarkt

Sowie die Zerstörung selbstregulierter Ökologie und Abhängigkeit von technologischen Krücken.

I. Selbstregulierung als allgemeines Funktionsprinzip

Selbstregulierung scheint ein Prinzip zu sein, das allen Naturprozessen innewohnt und das die Grundlage ihrer Entfaltung bildet. Der Mensch innerhalb der repressiven Gesellschaft allerdings hat dieses Prinzip in sich selbst weitgehend verschüttet und Strukturen der Selbstbeherrschung, der Naturbeherrschung und der Menschenbeherrschung hervorgebracht, die einen immer höheren Grad an Zerstörung der inneren und äußeren Natur bewirkt haben und die sich in ökonomischen, ökologischen, sozialen und individuellen Krisen immer mehr zuspitzen. Die Dynamik der Zuspitzung liegt darin begründet, dass zur Lösung der aus zerstörter Selbstregulierung entstandenen Probleme immer wieder Mittel eingesetzt werden, die die schon eingeleitete Zerstörung der Selbstregulierung noch weiter vertiefen.

Die innere Logik dieser Zerstörungsprozesse schonungslos aufzudecken, scheint mir eine wesentliche Grundlage dafür zu sein, um in den verschiedensten Bereichen und auf den verschiedensten Ebenen Ansätze für eine Umkehr dieser Tendenzen zu entwickeln: Durch Wiederentdeckung, Wiedergewinnung und Wiederherstellung natürlicher Selbstregulierung in all den Bereichen, in denen sie unter dem Einfluss repressiver Strukturen verschüttet wurde, und durch den Schutz selbstregulatorischer natürlicher Prozesse überall dort, wo sie bislang von der Zerstörung noch nicht erfasst wurden.

 

II. Zerstörte Selbstregulierung der Geburt

Ich möchte beginnen mit einigen Überlegungen zur zerstörten Selbstregulierung der Geburt. Wie kommt es, dass in unserer Gesellschaft die Geburt eines Kindes in vielen Fällen nur noch mit künstlichen Eingriffen erfolgt, dass die Geburt in den wenigsten Fällen auf natürliche Art verläuft? Wieso ist im gesamten Tierreich – abgesehen vielleicht von den Haustieren – die Geburt ein ganz natürlicher Vorgang, der sich von selbst und ohne Eingriffe irgendwelcher Experten reguliert, während der Mensch diese Fähigkeit zur Selbstregulierung weitgehend verloren hat?

 

1. Die Abhängigkeit der Schwangeren von Ärzten und Klinik

Da wird viel geredet vom Fortschritt der Medizin, der es ermöglicht habe, die Risiken einer Geburt für Mutter und Kind durch künstliche Eingriffe zu vermindern. Aber warum sind die Risiken bei der Geburt überhaupt erst so hoch, dass künstliche Eingriffe nicht nur gerechtfertigt, sondern in vielen Fällen sogar notwendig erscheinen? Mittlerweile wird mehr und mehr erkannt, dass die künstlichen Eingriffe selbst und auch die künstliche Umgebung, in der ein Kind bei uns in den meisten Fällen zur Welt kommt, bereits die Grundlage für spätere schwere emotionale Störungen legen. Dennoch schrecken viele Eltern vor einer Hausgeburt zurück, weil sie für den Ernstfall auf sofortige ärztliche Hilfe nicht verzichten wollen.

Was ist passiert in unserer Zivilisation mit einem natürlichen Vorgang, von dem alle Menschen durch ihre eigene Geburt unmittelbar betroffen sind und durch dessen Verlauf bzw. Störung sie in ihrer psychischen, körperlichen und geistigen Entwicklung so tiefgehend geprägt werden? Es handelt sich hier um ein Beispiel für den Zusammenhang zwischen zerstörter Selbstregulierung und Abhängigkeit. Ist erst einmal die natürliche Selbstregulierung bei der Geburt zerstört, sind die Frauen nicht mehr in der Lage, ein Kind ohne große Komplikationen zur Welt zu bringen, ohne unerträgliche Schmerzen und unter Umständen sogar ohne Gefahr für ihr Leben und für das Leben ihres Kindes. Der Verlust der Fähigkeit zur natürlichen Selbstregulierung macht sie abhängig von fremder Hilfe, von künstlichen Eingriffen, von medizinischen Experten. Sie haben die Verfügung über ihren eigenen Körper verloren und liefern ihn aus an eine Institution (Klinik), in der sie sich weitgehend fremdbestimmt den Maßnahmen, Eingriffen und Anweisungen der Experten zu unterwerfen haben. Obwohl sie vielleicht wissen oder ahnen, wie schädlich diese Eingriffe für sie selbst und für das Kind sein können, begeben sie sich doch freiwillig in diese Abhängigkeit weil die andere Alternative – nämlich sich dem Geburtsvorgang in einer Hausgeburt zu überlassen – ihnen noch bedrohlicher erscheint und tatsächlich auch bedrohlicher sein kann.

2. Sexualunterdrückung, Beckenpanzerung und zerstörte Fähigkeit zur natürlichen Geburt
Wilhelm Reich 1897-1957

Warum ist diese Fähigkeit zur selbstregulierten Geburt bei vielen Frauen derart gestört, dass sie nur noch – wenn überhaupt – mit fremder Hilfe und mit künstlichen Eingriffen Kinder zur Welt bringen können? Wilhelm Reich gibt mit seinen Erfahrungen aus jahrzehntelanger therapeutischer Arbeit einige Anhaltspunkte zur Beantwortung dieser Frage. Ganz allgemein hatte sich bei der Behandlung neurotisch und psychosomatisch erkrankter Patienten herausgestellt, dass ihre Störungen zusammenhingen mit einer chronischen Panzerung des Organismus, d.h. mit einer chronischen Kontraktion von Teilen der Muskulatur bzw. von Zellen in anderen Geweben. Die Panzerungen ihrerseits gingen zurück auf frühere Konflikte zwischen den eigenen Triebimpulsen und einer dagegen gerichteten Umwelt, wobei die Konflikte nicht ausgetragen, sondern verdrängt und dadurch unbewusst geworden waren. An der Wurzel dieser Kette von Konfliktverdrängungen, die sich in zunehmender körperlicher und charakterlicher Erstarrung niederschlagen, lag immer ein Konflikt zwischen natürlichen lebendigen Triebimpulsen und einer triebfeindlichen, repressiven Umwelt.

Durch die chronische Panzerung wird der Organismus in seiner natürlichen Selbstregulierung oder – was dasselbe ist – in seinen ganzheitlichen Funktionieren gestört, und zwar auf unterschiedliche Weise und mit der Folge unterschiedlicher Krankheitssymptome, je nachdem, in welchen Bereichen und in welchem Ausmaß der Organismus gepanzert ist. Während die natürliche Triebenergie in den gepanzerten Bereichen des Organismus mehr oder weniger erstarrt und in ihrer natürlichen Pulsation gestört ist, wird sie in ihrem freien Strömen blockiert und staut sich zwischen den Panzerungen auf. Dadurch ergeben sich – je nach Struktur der Panzerungen, und das heißt auch: je nach individueller Leidensgeschichte von Konfliktverdrängungen – unterschiedliche Bereiche von Überschuss bzw. von Mangel an lebendiger Energie.

Die Folge dieses gestörten Flusses und der gestörten Pulsation von Lebensenergie sind entsprechende Störungen in den natürlichen Funktionen des Organismus bzw. seiner Teile: Unterfunktionen in den von der Panzerung betroffenen Organen, Überfunktionen in den von der Energiestauung betroffenen Organen. Je tiefer diese Funktionsstörungen verankert sind, umso mehr entwickelt sich daraus die Tendenz zu entsprechenden stofflichen Veränderungen der Organe und Gewebe (bis hin zur Bildung von Tumoren).

Die gestörte, Fähigkeit vieler Frauen zur natürlichen Geburt deutet darauf hin, dass die für den Geburtsvorgang wesentlichen Bereiche des Organismus – also Bauch und Becken – chronisch gepanzert sind. Die Hintergründe für eine Panzerung im Beckenbereich gehen zurück bis in die frühe Kindheit und hängen nach Reich zusammen mit einer Unterdrückung der lustvollen Körperempfindungen im Bereich der Genitalien.

3. Autoritäre Kleinfamilie und Unterdrückung der genitalen Sexualität

Dass schon kleine Kinder solche natürlichen Erregungen spüren und die damit verbundene Lust immer wieder genießen wollen, war im Bewusstsein der herrschenden Kultur und Moral soweit verschüttet und verdrängt, dass es erst der Entdeckung durch Sigmund Freud bedurfte, um diese natürliche Regung des Kindes wieder ins Bewusstsein zu heben. Die Forschungen von Reich haben darüber hinaus deutlich gemacht, dass der Zusammenprall zwischen kindlicher Sexualität und sexualfeindlicher Umwelt nicht naturnotwendig ist, sondern Ausdruck der Lustfeindlichkeit der patriarchalischen Kultur. Es hat andere Kulturen gegeben, in denen dieser Zusammenprall unbekannt war und in denen sich entsprechend die kindliche Sexualität frei entfalten konnte.1

Reich hat auch herausgearbeitet, wie sich diese Unterdrückung vielfach unbewusst im Rahmen der autoritären Kleinfamilie vollzieht2: Indem die sexuellen Kontakte zu anderen Kindern und auch zu den Geschwistern tabuisiert und mit schwersten Schuldgefühlen belegt werden, wird das Kind in seinen emotionalen und sexuellen Bedürfnissen zurückgeworfen auf die Eltern und mehr oder weniger stark auf sie fixiert. Die offene oder versteckte Zurückweisung und Bestrafung der kindlich-sexuellen Bedürfnisse, vor allem durch den jeweils andersgeschlechtlichen Elternteil – bedingt durch Gesetz, Moral und eigene Schuldgefühle und Verklemmungen der Eltern – stürzen das Kind in schwere emotionale Konflikte, Konflikte zwischen den Erregungen, die ihm natürlicherweise Freude machen und nach denen es (ab ungefähr 3 Jahren) immer wieder einen intensiven Drang verspürt, und den Zurückweisungen, Verboten und Bestrafungen durch die Eltern oder andere Erziehungspersonen.

Die Verdrängungen dieser Konflikte schlagen sich körperlich nieder in einer Blockierung gegenüber dem Strömen der Lebensenergie in den Beckenbereich und in die Genitalien. Die Unterdrückung der kindlichen Sexualität legt damit die Grundlage für eine chronische Panzerung des Beckens, d.h. für eine chronische Kontraktion der Beckenmuskulatur und für eine chronische plasmatische Kontraktion und Erstarrung des Gewebes und der Organe im Bereich des Beckens. Das Becken wird auf diese Weise bioenergetisch mehr oder weniger abgetötet, d.h. auch gegenüber sexueller Erregung mehr oder weniger empfindungslos.

Damit ist zwar der Konflikt zwischen sexueller Erregung und sexualfeindlicher Umgebung nicht mehr akut, weil die sexuelle Erregung gar nicht mehr zugelassen wird, aber durch die Blockierung wird der Organismus in seiner natürlichen Fähigkeit zur Selbstregulierung im Beckenbereich zerstört. Die Folge davon sind später beim Erwachsenen nicht nur massive Sexualstörungen, verbunden mit den entsprechenden neurotischen Beziehungsproblemen, sondern auch eine Beeinträchtigung der körperlichen Gesundheit.

Die Unterdrückung der genitalen Sexualität und die damit verbundene chronische Blockierung des Beckens ist bei Frauen vielfach noch tiefer verankert als bei Männern. Zur Unterdrückung der kindlichen Sexualität kommt die sexuelle Unterdrückung in der Pubertät, die bei Mädchen oft noch viel drastischer verläuft als bei Jungen. In der patriarchalischen Gesellschaft, in der die natürliche Sexualität unterdrückt wird und die aufgestauten Energien sich vielfach nur noch in brutalisierter Form einen Durchbruch verschaffen können, kommt es immer wieder zu sexuellen Vergewaltigungen, insbesondere für Mädchen und Frauen, und zu unerwünschten Schwangerschaften. Nicht zuletzt unter Hinweis auf solche Gefahren wird den Mädchen in der Pubertät von den Eltern vielfach jeder sexuelle Kontakt verboten oder zumindest mit schweren Ängsten belastet, so dass zusätzlich zu den Verdrängungen der Kindheit weitere Verdrängungen und Panzerungen aufgebaut werden.

Auf der Grundlage gestörter sexueller und emotionaler Strukturen werden auch die sich ergebenden Partnerbeziehungen sexuell mehr oder weniger unbefriedigend bleiben, verbunden mit entsprechenden Enttäuschungen und neurotischen Verstrickungen, die zum Aufbau weiterer Verdrängungen führen können. Die noch vorhandenen Reste von sexueller Erlebnisfähigkeit werden auf diese Weise immer mehr verschüttet, und die Körper werden durch die zunehmenden Verdrängungen immer starrer.

4. Beckenpanzerung und Lustangst

In der Panzerung des Beckens ist die Unterdrückung der genitalen Sexualität am tiefsten verankert. Wie tief, hat Reich in seiner Arbeit mit Patienten immer wieder auf dramatische Weise erfahren können. Selbst wenn es ihm gelungen war, in einem oft langwierigen und für den Patienten durch „Himmel und Hölle“ führenden therapeutischen Prozess, mit der Methode der Vegetotherapie die körperlichen und charakterlichen Erstarrungen in anderen Bereichen des Organismus aufzulockern, gab es immer wieder besonders dramatische Zuspitzungen bei dem Versuch, die Beckenpanzerung aufzulösen und das Becken und die Genitalien wieder durchlässig werden zu lassen für das freie Strömen der emotionalen Erregungswellen. Während die Erregungswellen mit Auflockerung der übrigen Panzerungen immer deutlicher spürbar von oben nach unten in Richtung des Beckens strömten, prallten sie immer wieder an der Beckenpanzerung ab, wurden zurückgeworfen und vom Patienten als panische Angst empfunden. Das Becken zog sich dabei reflexartig mit jeder ankommenden Erregungswelle zurück.

Bei dem therapeutischen Versuch der Auflösung der Beckenpanzerung zeigte sich für Reich in besonderer Deutlichkeit immer wieder ein Phänomen, das für das Verständnis der Irrationalität der gepanzerten Charakterstruktur von großer Bedeutung ist: Obwohl die Patienten nichts sehnlicher wünschten als die Befreiung von ihren Leiden, die Befreiung aus ihren charakterlichen und körperlichen Erstarrungen und die Wiedergewinnung von Erlebnis- und Lustfähigkeit, entwickelten sie auf der anderen Seite, je näher sie ihrem Ziel kamen, umso größere Ängste. Reich spricht in diesem Zusammenhang von „Lustangst“.

In dem Ausmaß, wie das Becken durchlässig wird für das Strömen der Energie und damit auch für intensive sexuelle Erregung, werden die Patienten geplagt von Sexualängsten, von überwältigenden Schuldgefühlen, von Vorstellungen von Teufel und Hölle. Die Gefahr, diese seelischen Höllenqualen nicht aushalten zu können, ist umso größer, je schneller die Beckenpanzerung aufgelöst wird. Eine zu schnelle Überflutung des Beckens und der Genitalien mit sexueller Energie löst in einem Organismus, der sich jahrzehntelang unter dem Druck sexualfeindlicher Einflüsse gegen das Strömen dieser Energie abgepanzert hat, nur Panik und Schrecken aus.

Reich betont deshalb immer wieder, dass in dieser Phase das Risiko besonders hoch ist, dass der Patient die Therapie abbricht und sich lieber in seine Krankheit oder gar in den Selbstmord flüchtet. Seine Fallbeschreibungen im Zusammenhang mit den Ansätzen einer Krebstherapie liefern hierfür einige erschütternde Beispiele3. Dennoch ist es ihm hin und wieder gelungen, die Patienten durch besonders behutsames Vorgehen auch durch diese kritische Phase hindurchzugeleiten und ihre chronische Beckenpanzerung aufzulösen.

5. Auflösung der chronischen Panzerung und Wiedergewinnung zerstörter Selbstregulierung

In diesen Fällen hat sich regelmäßig mit jeder im Becken ankommenden Erregungswelle ein Reflex eingestellt, der sich deutlich von dem vorher zu beobachtenden reflexartigen und ruckartigen Zurückziehen des Beckens unterschied: Das Becken bewegt sich nunmehr fließend nach vorne, während sich der obere Teil des Rumpfes ebenfalls nach vorne beugt. Weil mit Auftreten dieses Reflexes die volle sexuelle Erlebnisfähigkeit, die von Reich so genannte „orgastische Potenz“, wiedergewonnen wird, nannte er diesen Reflex „Orgasmusreflex“. In diesem Reflex kommt eine den ganzen Organismus erfassende fließende, in sich ganzheitlich zusammenhängende Bewegung zum Ausdruck. Wenn alle chronischen Panzerungen einschließlich der Beckenpanzerung aufgelöst sind, hat der Organismus seine bis dahin in bioenergetischer Hinsicht zerstörte Ganzheitlichkeit wiedergewonnen und funktioniert als ganzheitliches bioenergetisches oder „orgonotisches“ System.

Mit Abbau der chronischen Panzerungen wird die Lebensenergie weder in Erstarrung gebunden noch zwischen den Panzerungen aufgestaut, sondern kann frei im Organismus strömen und pulsieren. Den neurotischen, psychotischen oder psychosomatischen Krankheitssymptomen, die sich vor dem Hintergrund der Panzerung und Aufstauung gebildet haben, wird auf diese Weise die bioenergetische Grundlage entzogen. Deswegen gewinnt im Reich‘schen Konzept die „orgastische Potenz“ eine so entscheidende Bedeutung für die Gesundheit des Organismus.

6. Ganzheitliche Zusammenhänge und Selbstregulierung

Reich hat die emotionalen Erregungswellen, die einen ungepanzerten Organismus durchströmen und in die ganzheitliche Bewegung des Orgasmusreflexes einmünden, verglichen mit den auch von außen deutlich sichtbaren Erregungs- und Bewegungswellen eines Wurmes. So sehr sich Mensch und Wurm in vieler Hinsicht voneinander unterscheiden, so sehr betrachtet Reich die bioenergetischen Erregungswellen entlang der Körper-Längsachse in beiden Organismen als funktionell identisch. Auch in der segmentartigen Blockierung gegenüber diesen Erregungswellen („Segmentpanzerung“), wie er sie bei Menschen beobachtet hat, kommt für ihn das gleiche bioenergetische Funktionsprinzip zum Ausdruck wie in der zur Körperform gewordenen segmentalen Gliederung des Wurmes.

Beim Wurm wird auch äußerlich ganz deutlich, was passiert, wenn der ganzheitlich fließende Bewegungsablauf unterbrochen und zerstört wird: Klemmt man den Wurm z. B. mit einer Pinzette in der Mitte seines Körpers ein, so werden die Erregungs- bzw. Bewegungswellen an der eingeklemmten Stelle gebrochen und zurückgeworfen, und die fließende ganzheitliche Bewegung zerfällt in zwei voneinander unabhängige Teile, wobei sich jeder Teil für sich in ruckartigen unkoordinierten Bewegungen windet. Etwas „funktionell Identisches“ in Bezug auf die bioenergetischen Funktionen passiert mit dem menschlichen Organismus, wenn er sich gegen seine spontanen bioenergetischen Erregungswellen abpanzert: Das in seiner Ganzheitlichkeit sich selbst regulierende bioenergetische System des Organismus zerfällt unter dem Einfluss der Panzerung bioenergetisch in einzelne gegeneinander mehr oder weniger abgespaltene und voneinander unabhängig funktionierende Teile. Der übergeordnete ganzheitliche Steuerungsmechanismus, dessen Funktionieren untrennbar zusammenhängt mit dem spontanen, ungehinderten Strömen und Pulsieren der Lebensenergie im Organismus, wird auf diese Weise tendenziell zerstört. Der Organismus verliert damit seine natürliche Fähigkeit zur Selbstregulierung. Die Folge sind entsprechende bioenergetische Funktionsstörungen, die sich beim Menschen in neurotischen, psychotischen und psychosomatischen Krankheiten („Biopathien“) niederschlagen.

Reich hat mit seinen Forschungen am Beispiel des menschlichen Organismus ein Funktionsprinzip aufgedeckt, das – wie mir scheint – alle Bereiche der Natur und Gesellschaft durchdringt: Die Zerstörung ganzheitlicher Zusammenhänge zerstört die Fähigkeit von Systemen zur natürlichen Selbstregulierung und erzeugt damit Abhängigkeiten von äußeren Eingriffen. Es wird noch zu zeigen sein, wie diese Eingriffe häufig die Tendenz haben, die Zerstörung der Selbstregulierung noch weiter zu vertiefen und damit wiederum die Abhängigkeit zu verstärken.

Kommen wir zurück auf die in unserer Kultur weit verbreitete Zerstörung der Selbstregulierung bei der Geburt als einer Form bioenergetischer Funktionsstörung. Die Abhängigkeiten von den medizinischen Experten und von der Institution der Klinik, die dadurch für die Mutter entstehen, sind weiter oben schon kurz erwähnt worden. Im Folgenden soll es darum gehen, welche Schäden aus einem bioenergetisch mehr oder weniger blockierten und erstarrten Bauch und Becken der Mutter bzw. aus einer komplikationsreichen und künstlich unterstützten Geburt für das Kind entstehen können. Reich hat mit seinen Forschungen einige wichtige Anhaltspunkte dafür gewonnen, dass der kindliche Organismus unter derartigen Einflüssen bereits in einer sehr frühen Phase in seiner Selbstregulierung zerstört wird und dass diese Zerstörung, je früher sie erfolgt, umso tiefer in der emotionalen Struktur des heranwachsenden Menschen verankert wird.

Anmerkungen:
  1. Siehe hierzu im einzelnen Wilhelm Reich: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Fischer-Taschenbuch 6268, Frankfurt/Main 1973. Interessant in diesem Zusammenhang sind auch die neueren Berichte von Jean Liedloff über eine Indianerkultur in Venezuela in ihrem Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück – Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit“, C. H. Beck-Verlag, München 1980.
  2. Siehe hierzu vor allem Wilhelm Reich: Die sexuelle Revolution, Fischer-Taschenbuch 6093, Frankfurt/Main 1971, sowie Wilhelm Reich: Massenpsychologie des Faschismus, Fischer-Taschenbuch 6250, Frankfurt/Main 1974.
  3. Siehe hierzu im einzelnen Wilhelm Reich: Die Entdeckung des Orgons (II) – Der Krebs, Fischer-Taschenbuch 6753, Frankfurt/Main 1976, S. 176-22
  4. Siehe hierzu im einzelnen Wilhelm Reich: Charakteranalyse, Fischer-Taschenbuch 6191, Frankfurt/Main 1973, und zwar das Kapitel über „Die Ausdruckssprache des Lebendigen“, S. 408-451.

 

Fortsetzung folgt.

 

Lesen Sie im folgenden Heft: „Wer war Wilhelm Reich“

Triebunterdrückung, zerstörte Selbstregulierung und Abhängigkeit
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