Autorin: Dr. Gabriele Feyerer

Menschen in Gesellschaften, die moderne Zivilisationskost bevorzugen, leiden heute vielfach an einer Unverträglichkeit von Kuhmilch. Diese zeigt sich entweder als echte Milchallergie, was bis zum lebensbedrohlichen Schock führen kann oder als Laktoseintoleranz, einer Unverträglichkeit von Milchzucker (Laktose), die zwar nicht gefährlich ist, aber dennoch starke Beschwerden auslösen kann. Obgleich sich vor allem in Nord- und Mitteleuropa die Milchwirtschaft einbürgerte, hat die Industrialisierung dieses natürliche Lebensmittel für uns zu einem Problem werden lassen. Dieses zeigt sich etwa als generelle Infektanfälligkeit sowie durch viele unklare Beschwerden von Hautausschlägen, über Migräne bis hin zu Schlafstörungen, die auf einer versteckten Milch- bzw. Kaseinallergie beruhen können. Oft geht diese Empfindlichkeit Hand in Hand mit einer Unverträglichkeit auf Weizen und verschlimmert die Situation. Allergietests ergeben keinen Befund, erst spezielle Blutuntersuchungen oder ein längerer Milchverzicht bringen die Ursachen an den Tag.

Im Gegensatz dazu gehört die Laktoseintoleranz mittlerweile zu den häufigen Diagnosen der Medizin. Ein großer Anteil der Menschheit kann nämlich – was völlig normal ist – im Erwachsenenalter ein Enzym, nämlich die Laktase, nicht mehr bilden. Sie macht den Milchzucker im Dünndarm aber erst verdaulich. Was man früher noch als „eingebildetes Bauchweh“ abtat, ist plötzlich salonfähig geworden. Mittels Selbstversuch (Einnahme von Milchzucker) oder durch einen Atemtest beim Arzt, ist eine Intoleranz auf Laktose feststellbar und man weiß: Heftigste Verdauungsbeschwerden, Blähungen, Übelkeit, Kopfschmerzen, Blasenfunktionsstörungen und sogar chronische Müdigkeit können einiges mit Milchzucker zu tun haben. Um dies zu vermeiden, gibt es längst laktosefreie Milchprodukte jeder Art. An diesem Trend findet auch die Milchindustrie Gefallen, doch ist diese Milch – wie jede Milch mit langen Ablaufdaten – leider kein frisches Lebensmittel mehr, sondern ein stark verarbeitetes Industrieprodukt, das dem Körper auch schaden kann.

Das Phänomen „leaky gut“

Die Medizin kommt heute an der Erkenntnis nicht mehr vorbei, dass der Zustand eines „Zivilisationsdarms“ sich von dem gesund ernährter Menschen durch eine vermehrte Durchlässigkeit unterscheidet. Zu große, kaum verdaute Nahrungsmoleküle dringen dann ins Blut vor, unser Immunsystem wird tätig und bekämpft sie als „feindlich“. Eine (Pseudo)allergie ist geboren. Diese Erscheinung des „leaky gut“ („löchriger Darm“) wird gefördert, wenn Kinder viel zu früh (vor dem 7. Lebensmonat) mit artfremder Nahrung statt mit Muttermilch in Kontakt kommen – meist Kuhmilch und Weizen, aber auch Glutamat und andere Zusatzstoffe in künstlicher Babynahrung wirken sich negativ aus.

Starke Knochen durch Milch?

Durch geschönte Werbeaussagen, angefangen bei überzuckerten Fruchtjoghurts bis hin zu „Milchschnitten“, wird den Konsumenten meist ein falsches Bild der „gesunden Milch“ präsentiert und die Milchindustrie gaukelt ihnen vor, man könne gar nicht genug „gesunde“ Milchprodukte essen. Die Medizin schließt sich diesem Kanon an, indem sie den Frauen Angst vor Knochenbrüchen und Osteoporose („Knochenschwund“) macht, was angeblich durch Milch und Käse verhindert werden kann. Doch das Kalzium aus Milchprodukten wird viel schlechter vom Körper verwertet, als behauptet. Viele Jahrhunderte bezog fast die gesamte Menschheit genügend Kalzium aus Getreide, dunkelgrünen Pflanzen (Kohlgemüse, Spinat, Wildkräuter, Algen), aus Hülsenfrüchten, Nüssen, Samen, Kernen oder Sesam (den man über fast alle Speisen streuen kann). Nur wenige, meist nomadische Völker in kargen Regionen, gewöhnten sich mit der Zeit an die Nutzung von Tiermilch, die aber natürlich und frisch konsumiert wird. Was aber sind die Alternativen? Wie beschreibt etwa die in Europa nun schon gut bekannte „Hildegardmedizin“ das Thema Milch und Milchprodukte?

Hildegard

Im mittelalterlichen Europa wurde Milch von Kühen, Schafen und Ziegen genutzt (letztere bessert Lungenleiden). Kuhmilch gab es eher nur an den Höfen des Adels, denn sie war – wie es auch die Natur gedacht hat – für die Aufzucht der Kälber bestimmt. Eine Einschränkung unseres Fleisch- und Milchkonsums täte nicht nur unserer Gesundheit gut, sie ließe zugleich die Qualität dieser Nahrungsmittel ansteigen. Die große europäische „Medizinerin“ des Mittelalters, Hildegard von Bingen, war schon damals durch ihre stete Mahnung zur „Discretio“, zum Maßhalten in allen Dingen, nicht nur ein „Gesundheitscoach“, sondern auch eine Tierschützerin.

Die „Milchtheorie“ der Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen (1098-1179) war Mystikerin, Äbtissin und Verfasserin von Schriften wie der „Physica“ oder „Causae et Curae“. Diese Medizinbücher wurden um 1970 von dem österreichischen Arzt Dr. Gottfried Hertzka für die Praxis wiederentdeckt und erlebten im deutschsprachigen Raum eine unerwartete Renaissance. Auch eine Ernährungslehre ist Teil dieses außergewöhnlichen Systems der „Hildegardemedizin“. Den einzelnen Nahrungsmitteln werden – ähnlich wie in der östlichen Medizin – bestimmte Eigenschaften (Subtilitäten) zugeordnet. Sie erzeugen im Körper bestimmte Wirkungen: kühlend, wärmend, trocknend, befeuchtend etc., können daher im Übermaß schaden.

Faszinierend ist, dass schon Hildegard schrieb, viele Menschen hätten „durch kranke Eingeweide (zu durchlässiger Darm) krankes und giftiges Blut“, seien daher rot im Gesicht. Damit nahm sie die Beschreibung oben erklärten Phänomens „leaky gut“ vorweg. Hochrote Gesichter beobachtet man häufig an Patienten mit chronischen Magen-Darmstörungen, die oft in Herzprobleme übergehen. Dagegen empfiehlt sich u. a eine Umstellung auf Dinkelkost.

Winter- und Sommermilch

Milch war für Hildegard nicht gleich Milch. Sie wusste bereits, wie wichtig die Qualität dieses Lebensmittels war. Im Mittelalter wurde viel Schafmilch verwendet, Rinder waren primär Arbeitstiere und Fleischlieferanten. Kälber wurden nicht getötet. Hildegard machte einen Unterschied zwischen „Wintermilch“ und „Sommermilch“. Die Milch von Kühen, Ziegen und Schafen ist nach Hildegard im Winter heilsamer als im Sommer, da die Tiere den Winter über Heu, im Sommer aber Grünfutter fraßen, wobei diese Milch schlechte Säfte im Menschen erregen kann. Außerdem hat heute durch die Silofütterung Kuhmilch meist ganzjährig die Qualität von Sommermilch.

Zur besseren Verträglichkeit der Wintermilch gibt Hildegard den erstaunlichen Rat, diese immer abzukochen und dann getrocknete, gedörrte Brennnesselwurzeln hineinzulegen, weil diese den Magen reinigen und die „üblen Säfte der Milch“ unschädlich machen sollen. Hildegard spricht außerdem davon, Milch zu „essen“, sie ist also kein Getränk! Beim Genuss wird zwischen Gesunden und Kranken unterschieden. Je nach Zustand müssen nämlich Körperenergien ergänzt oder geschont werden.

Sommermilch schadet nach Hildegard dem gesunden Menschen eher, für Kranke, Schwache und Kinder dagegen sei sie in kleinen Mengen stärkend. Es ist bekannt, dass früher in bäuerlichen Kreisen eine Kuh meist das ganze Jahr über Winterfutter bekam, denn diese „Heumilch“ war für Schwangere und Stillende reserviert – um die Verdauung zu schonen. Es handelt sich hier um echtes Volksheilwissen. Bei der Sommermilch würde auch das Einlegen von Brennnesselwurzeln nicht helfen. Von ihr soll immer nur sehr wenig konsumiert werden. Heute macht sich die Werbung dieses Wissen mit dem Slogan „Heumilch“ zunutze – kennt aber die Hintergründe gar nicht…die Konsumenten kennen sie noch weniger.

Butter und Käse

Kuhbutter bezeichnet Hildegard als gesund, weil sie geschwächten Menschen Kraft geben kann. Sie ist heilsam bei Lungenproblemen und Magerkeit. Auch für Normalgewichtige ist sie günstig. Wer aber „viel fettes Fleisch“ am Körper hat, also übergewichtig ist, der solle sie nur sehr mäßig essen. Auf jeden Fall ist echte Butter als natürliches, unbehandeltes Lebensmittel jeder üblichen Margarine vorzuziehen. Die Behauptung, Butter würde den Cholesterinspiegel gefährlich erhöhen, kann man ins Reich der Sagen und Mythen verbannen, denn auch über Cholesterin kursieren mehr Unwahrheiten als man zählen kann. Es ist ein wichtiger Entzündungsmarker und Schutzstoff, den unser Körper unbedingt braucht. Ein zu niedriger Spiegel kann zu Depressionen und Krebs führen.

Beim Verzehr von Käse rät Hildegard, diesen mit „Mutterkümmel“ zu würzen. Gemeint ist hier nicht der bekannte Kümmel, sondern Kreuzkümmel oder Cumin. Dieser soll aber von kranken Menschen gemieden werden, außer es handelt sich um herzgesunde (!) Patienten mit einem Lungenleiden. In diesem Fall wäre er heilsam. Wie genau die Angaben dieser „Naturärztin“ damals schon waren!

Immer wieder stoßen wir auf Hildegards Meinung, wonach Käse oder Topfen (Quark) zu meiden sind, wenn im Körper zu viele „Schadsäfte“ und Schleimstoffe vorhanden sind, etwa bei Epilepsie, Lungenkrankheiten oder Arteriosklerose. Chronisch Kranke sollen, laut Hildegard, Eier und Käse weitgehend meiden – damit nahm sie moderne Erkenntnisse vorweg. Sie kannte auch die Verbindung zwischen Magen- und Nierenschwäche, oder dass Kopf- und Rückenschmerzen ihre letzte Ursache in einem „kalten“ Magen haben können.

Hildegard von Bingen liegt mit ihren Angaben immer nahe am Jahrtausende alten Wissen östlicher Medizinsysteme. Was die TCM als eine Schwäche der „Mitte“, des Organpaares Milz/Magen, und ein indischer bzw. tibetischer Arzt als geschwächtes Verdauungsfeuer beschreibt, wurde bei ihr ähnlich erklärt. Hildegard wusste, wie aus einer Magen- und Milzschwäche ein Herzschaden entstehen kann, und dass „schlechte Säfte“ aus falscher Nahrung (zu viel Rohkost) dazu beitragen.

Gegen manch altes Wissen nimmt sich die moderne Apparatemedizin engstirnig aus. Diese hält etwa die Milz als Organ schlichtweg für überflüssig, weil der Mensch auch ohne sie überlebt. Dass sie aber ein wichtiges Zentrum der Blutbildung und des funktionsfähigen Immunsystems ist, beachtet die westliche Medizin nicht oder hat es vergessen – falls sie es jemals wusste. Wir können heute jedes winzige Bakterium durch eine Magenspiegelung dingfest machen und mit chemischen Geschützen attackieren, aber im Begreifen großer Zusammenhänge waren uns östliche Medizinquellen und eine einfache Klosterfrau des „finsteren“ Mittelalters wohl schon damals voraus. Dieses traditionelle westliche Heilwissen gilt es heute objektiv weiter zu erforschen und mit aktuellen Erkenntnissen zu verbinden. Oft wird vergessen, dass auch Europa durch seine Klostermedizin ebenso wie der asiatische Kontinent eine alte Volksheilkunde besitzt, auch wenn viel davon verloren ging – etwa das große Heilwissen von weisen Frauen und Hebammen, die dem Hexenwahn zum Opfer fielen.

Zwar muss man heute die allgemeine Hysterie um Milchprodukte auch kritisch sehen, aber die Beschwerden sind keine Einbildung und es geht auch darum, auf „richtiges“ Essen – die richtige Wahl und Kombination der Lebensmittel sowie ihre Natürlichkeit – zu achten. Als Verdauungshilfe gibt es eine Reihe von Laktase-Präparaten zu kaufen – wie alle laktosefreien Milchprodukte bedeuten diese nämlich auch gute Geschäfte für eine boomende „Intoleranz-Industrie“ – Stichwort: Designer-Food. Und wie vieles in der Medizin handelt es sich dabei um keine Problemlösung, sondern eigentlich um Symptomkosmetik…

Milchallergie und Laktoseintoleranz – Was sagt eigentlich die Hildegardmedizin?
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