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Wegen der Einschränkungen für die Verwendung von Antibiotika greifen Landwirte zunehmend auf pflanzliche Heilmittel und andere natürliche Produkte zurück, um ihre Tiere gesund zu machen und zu halten. Obwohl die positive Wirkung nicht immer wissenschaftlich/medizinisch belegt ist, verbuchen die Bauern manchmal spektakuläre Ergebnisse mit natürlichen Präparaten.

Text aus dem Niederländischen von Hans Wolkers, Original im Magazin Wageningen World 02/2015 veröffentlicht

Kräuter

Im April 2015 berichteten niederländische und deutsche Zeitungen beispielsweise von beeindruckenden Ergebnissen britischer Wissenschaftler der Universität Nottingham: Nach einer Rezeptur aus dem so genannten Bald’s Leechbook, einer altenglischen medizinischen Handschrift aus dem 9.  Jahrhundert, stellten die Wissenschaftler ein Gebräu mit effektiver Wirkung her: Das Gemisch aus Lauch, Knoblauch und Ochsengalle war ursprünglich zur Bekämpfung von Augenlidentzündungen bestimmt, hatte jedoch einen unerwarteten Nebeneffekt: Es tötete selbst antibiotika-resistente MRSA-Bakterien ab. Die Forscher erwarten, dass derartige mehr als tausend Jahre alte  Verfahren bei dem Problem der zunehmenden Resistenz von Bakterien gegen Antibiotika helfen können.
Maria Groot, Tierärztin und Forscherin bei RIKILT Wageningen UR, war von den Ergebnissen der Britischen Mikrobiologen nicht überrascht. „In der Literatur findet man zahllose Beispiele von Kräuterpräparaten, die gegen bakterielle oder virale Krankheiten wirken“, sagt sie. „Immer mehr Menschen sind daran interessiert und sehen die Naturheilkunde nicht mehr als Quacksalberei an.“

Maria Groot, DLO onderzoeker bij RIKILT
Maria Groot

Genaue Zahlen sind unbekannt, Maria Groot zufolge wenden aber mehr und mehr Landwirte und Tierärzte natürliche Therapien an – vor allem jetzt, da die Regierungspolitik auf eine drastische Reduzierung des Antibiotikagebrauchs zusteuert, um eine zunehmende Resistenz der Bakterien gegen die Mittel zu verhindern.

Das Wissen um die Kräutermedizin ist jedoch begrenzt und laut Groot sei viel „altes Wissen“ verloren gegangen . Es lägen jedoch in den Regalen spezialisierter Gartencenter, wie Welkoop und Boerenbond, Produkte, welche auf Basis natürlicher Zutaten die Tiergesundheit förderten. Einige Mittel seien sogar als Tierheilmittel registriert, wie beispielsweise Euterbalsam mit Eukalyptusöl gegen Euterentzündung oder wie Colosan, eine Mischung auf der Basis von Leinsamen-, Zimt-, Anis-, Fenchel- und Kümmel-Öl, welche die Landwirte bei Magen-Darm-Problemen ihres Viehs einsetzen.

Sowohl die Praxis als auch klinische Untersuchungen zeigen laut Groot, dass natürliche Mittel einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit der Tiere liefern können. So hilft Knoblauch nach den Erfahrungen der Tiermedizinerin bei Würmern in den Därmen von Hühnern und oft ließen sich Harnwegsprobleme bei Schweinen durch Bärentraube, Preiselbeere und Brennnessel lösen. Eine Mischung aus Knoblauch und Oregano verhindere Durchfall bei Kälbern. Untersuchungen hätten ergeben, dass die Mischung antibakteriell, antiviral und antifungal wirkt.

Schniefende Schweine

Ein vorbildlicher Nutzer natürlicher Mittel, um den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren, ist Schweinehalter Harry Bloemenkamp aus Lettele. Einige Jahre war das Heranziehen von Ferkeln hin zu erwachsenen Mastschweinen trotz Verwendung von Antibiotika schwierig. „Das Wachstum blieb aus und es gab viele Ausfälle wegen Lungenproblemen“, berichtet Bloemenkamp. Auf Anraten seines Tierarztes begann er das Mittel Bio-Even zu benutzen, welches unter anderem eine Mischung aus Ameisensäure, Zitronensäure und Kräuterextrakten aus Kamille,  Wegerich, Thymian und Sonnentau enthält. „Wenn die Schweine zu schniefen begannen, dann sprühte ich das Mittel in den Stall“, so Bloemenkamp. „Es vermindert das Infektionsrisiko und fördert die Schleimausscheidung .” Danach fügte er dem Futter eine Kräutermischung zu, die unter anderem Oregano enthält. Die Resultate waren nach Angaben des Landwirtes „verblüffend”. Der Antibiotikaverbrauch sank von durchschnittlich 12 Gramm pro Tier und Tag auf nahezu nichts.
Darüber hinaus halbierte sich der Ausfall durch Krankheit von 3 auf 1,4 Prozent. Auch wuchsen die Schweine ca. 15 Prozent schneller. „Wir bekommen nun echt Top-Ergebnisse“, freut sich Bloemenkamp enthusiastisch. Pro Schwein koste die Behandlung ungefähr einen Euro für natürliche Mittel, doch dem stünde ein höherer Gewinn von beinahe 6 Euro pro Schwein gegenüber.

Leben retten

„Eine komplett antiobiotikafreie Tierhaltung ist nicht möglich“, denkt Tierärztin Gerdien Kleijer, Projektleiterin bei Projecten LTO Noord. „Antibiotika bleiben in akuten Fällen notwendig; sie retten Leben“, so Kleijer. „Allerdings war die gedankenlose Art, mit der Antibiotika in der jüngsten Vergangenheit verwendet wurden, nicht gut“, sagt sie. Antibiotika wurden verwendet, um größere Mengen Tiere unter weniger hygienischen Bedingungen halten zu können. Bis 2006 waren sie in Viehfutter sogar Standard. Danach verbot die Regierung den vorbeugenden Einsatz von Antibiotika und Forschungsprogramme wurden ins Leben gerufen, um die Nutzung weiter zu reduzieren. Da begannen die Landwirte nach neuen Wegen zu suchen, um ihre Tiere gesund zu halten.
Tierhalter, die ihr Stallsystem und Management anpassen, durch mehr Hygiene im Stall und weniger Tiere pro Quadratmeter, scheinen mit weniger und selbst ganz ohne Antibiotika auszukommen. „Wenn von den Bedürfnissen des Tieres ausgegangen und das Management entsprechend angepasst  wird, statt alleine auf die Produktion zu fokussieren, dann kann der Gebrauch von Antibiotika auf ein Minimum reduziert werden“, stellt Kleijer fest.

Außerdem könne der präventive Umgang mit natürlichen Mitteln, wie beispielsweise mikrobiologische Getränke oder Kräuter, Tiere gesund und fit halten. Der Landwirt könne sie beispielsweise bei Stress anwenden, wie bei einem Futter- oder Ortswechsel. Obwohl Kleijer viele praktische Beispiele kennt, bei denen natürliche Präparate bei der Erhaltung der Tiergesundheit oder bei der Beschleunigung der Erholung von Tieren gewirkt haben, ist dies häufig wissenschaftlich nicht ausreichend getestet und bewiesen. Das liegt daran, dass sich ein natürliches Produkt nicht patentieren lässt, es sei denn, es kommt aus einem genetisch veränderten Gewächs. Studien, welche die strengen Kriterien erfüllen, um die Zulassung als Tierarzneimittel zu bekommen, sind hingegen sehr teuer. Bei pflanzlichen Arzneimitteln ist die wissenschaftliche Beweisführung besonders schwierig, weil sie eine komplexe Mischung aus mehreren Komponenten haben. Deshalb ist es schwierig den Wirkstoff oder eine Kombination von Wirkstoffen zu identifizieren. Kleijer hält diese Art von wissenschaftlichen Beweisen nicht immer für notwendig: „Die Praxis zeigt, dass viele nat  Mittel gesundheitsfördernd wirken. Dies so wissenschaftlich zu beweisen, dass der Hersteller eine medizinische Zulassung dadurch erhalten könnte, kostet extrem viel Geld”, stellt Kleijer fest. Produzenten natürlicher Mittel führen häufig praktische Tests und Untersuchungen durch, ohne diese Resultate zu veröffentlichen: Stattdessen werden diese in den meisten Fällen intern archiviert. „Dies ist ein echtes Problem, denn es verhindert die Weiterverbreitung des Wissens“, sagt Maria Groot von RIKILT.

Erfolg von Probiotika

Michiel Kleerebezem, Professor für Wirt-Bakterien-Interaktion an der Wageningen UR, unterstützt die Vision der Tierärzte Groot und Kleijer: „Es gibt beispielhafte Beweise für den Erfolg von relativ einfachen Mitteln in der Tierhaltung, wie Probiotika – Mischungen nützlicher Bakterien – und Kräutern” , sagt er. „ Aber dies auch wissenschaftlich und eindeutig zu beweisen, ist nicht einfach.“

Gesundheitsbezogene Angaben für Probiotika seien durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nicht gutgeheißen worden, aber dass diese Bakteriengetränke auf bestimmte Gruppen von Menschen oder Tieren einen positiven Effekt haben können, stehe für ihn fest. Kleerebezem denkt, dass die Art und Weise, wie EFSA die Ergebnisse von Studien evaluiert, zu sehr auf starke, Genussmittel-artige, kurzfristige Effekte ausgerichtet ist. Dabei dominiere der Gedanke, dass ein Produkt bei jedem einen positiven Effekt bringen sollte.

Ein Missverständnis, findet er. „Die Auswirkungen von Probiotika sind relativ mild und wirken nur langfristig“ erklärt der Professor.

„Es sollte mehr Aufmerksamkeit auf die Unterschiede zwischen den Individuen gerichtet werden: das, was bei dem einen nicht wirkt, das kann bei einem anderen trotzdem Wirkung zeigen.“ Kleerebezem sieht die Bakterienpopulationen im Darm als Ökosystem an, welche man im Interesse der Gesundheit von Tieren und Menschen beeinflussen und lenken kann. Probiotika können hier eine Rolle spielen, beispielsweise indem sie mit Krankheitserregern konkurrieren und verhindern, dass diese im Darm Fuß fassen können. Kleerebezem: „Wenn man über die Ernährung oder mikrobielle Therapien in das Darm-Ökosystem eingreift, kann man möglicherweise verhindern, dass Tiere krank werden oder sogar zur Heilung führen. Solche Ansätze können dazu beitragen, dass sich der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung verringert.“

Auch das Zentrale Veterinärinstitut der Wageningen UR forscht an den Auswirkungen von natürlichen Mitteln bei Infektionen. „Knoblauchextrakte wirken im Reagenzglas hemmend auf einige pathogene Bakterien”, sagt Annemarie Rebel, Abteilungsleiterin der Infektionsbiologie, um die Untersuchungen zu beschreiben. „Das Bakterium Actinobacillus pleuropneumoniae (APP), welches bei Schweinelungen Rippenfellentzündungen verursacht, konnte durch Knoblauch im Futter ebenfalls eingedämmt werden. Die Tiere wurden weniger krank, entwickelten weniger Lungenschäden und die Keimzahlen in den Tieren verringerten sich. „Doch ist man mit einem so guten Ergebnis noch nicht angekommen: die genaue Menge Knoblauch die benötigt wurde, um diesen Effekt bei Tieren zu erreichen, war viel höher als sie üblicherweise in klinischen Studien eingesetzt wurde. Tiere mögen keinen Knoblauch, was die Zufütterung erschweren kann.

Von Indien lernen

Um das Wissen über die Nutzung der natürlichen Mittel zu fördern und den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren, subventionieren einige Provinzen wie Overijssel und Friesland, die Europäischen Kommission und Oxfam Novib, Austauschprogramme zwischen verschiedenen Ländern. So besuchten niederländische Tierärzte und Landwirte in 2014 Landwirte in Indien, um mehr über die Nutzung natürlicher Mittel, vor allem Kräuter, zu lernen. „Die Milchbauern in Indien nutzen viel mehr pflanzliche Zubereitungen als niederländische Bauern”, sagt Kleijer. “In Indien ist eine Mischung aus Aloe Vera, Kurkuma und Kalk ein bewährtes Mittel gegen Mastitis.“
Auch die niederländische Regierung würde die breitere Nutzung natürlicher Mittel in der Tierhaltung begrüßen. So finanziert das Wirtschaftsministerium die Forschung für nachhaltige Landwirtschaft mit weniger Antibiotika durch die Verwendung natürlicher Mittel, wie Kräutermischungen und Nahrungsergänzungsmitteln. Zusammen mit dem Wirtschaftszweig erforschen die Wageningen UR Livestock  Research und die Abteilung für Tierernährung die Beziehung zwischen Ernährung, Darmgesundheit und Immunität. Dies führte zu der Entwicklung des natürlichen Nahrungsergänzungsmittels Presan für Ferkel und Brathähnchen, welches die Vielfalt von Darmbakterien fördert.

Mittel registrieren

Groot u nd Kleijer erwarten, dass durch den stark reduzierten Antiobiotikaverbrauch Kräutermischungen und andere natürliche Mittel künftig eine zunehmend wichtige Rolle in der modernen Landwirtschaft spielen werden. Wissenschaftliche Beweise sind zwar nicht immer verfügbar, aber die Praxis zeigt, dass viele scheinbar obskure Mischungen aus natürlichen Mitteln zu Verbesserungen auf den Höfen führen. Die Tiere sind weniger krank und die Produktion wird gesteigert. Wie die überraschende bakterizide Wirkung des mittelalterlichen Kräutereintopfes belegt, können Menschen und Tiere von mehr Wissen über natürliche Vorgehensweisen bei Krankheiten profitieren, oder besser noch, Krankheiten durch den pr  Einsatz von Kräutern künftig verhindern. Um Quacksalberei und die unkontrollierte Verbreitung in der Herstellung und Entwicklung von natürlichen Mitteln zu vermeiden, plädiert Groot für spezifische Regeln für natürliche, wie beispielsweise pflanzliche, Heilmittel: „Ich würde es vorziehen, eine separate Registrierung für diese Art von natürlichen Mitteln zu haben: wenn die Qualität gut ist, es klinisch funktioniert und es sicher ist, dann sollte es damit genug sein.“

Dokumentation

Um natürliche Mittel effizient und in einem größeren Maßstab einzusetzen, sei mehr Wissen und Bewusstsein erforderlich, sowohl beim Bauern, als auch beim Tierarzt, findet Maria Groot von RIKILT Wageningen UR. Deshalb hat sie im Jahr 2009 die Initiative ergriffen, um mit finanzieller Unterstützung des Wirtschaftsministeriums, das Wissen um Krankheiten und natürliche Heilmittel in so genannten „Stalboekjes“ (Stall-Büchlein) über Geflügel, Schweine, Kälber und Rinder zusammenzufassen. In den Heften sind die jeweiligen natürlichen Mittel aufgeführt, die bestimmten Erkrankungen vorbeugen oder verwendet werden können, um die Genesung zu fördern. Beispielsweise verstärkt das auf Granatapfel und grünem Tee basierende Mittel Grazix die Immunfunktion des Darms und ist wirksam bei der Behandlung von Ferkeldurchfall. Die schwer zu behandelnden Parasiten Kryptosporidien (Cryptosporidium) verursachen bei Kälbern schweren Durchfall und können mit Solucox, einem pflanzenartigen Mittel, welches unter anderem Goldrute und Thymian enthält, behandelt oder vorgebeugt werden. Außerdem gibt es spezielle Hefte für Tierärzte, mit besonderem Augenmerk auf die wissenschaftliche und klinische Untermauerung diverser natürlicher Mittel. Die Hefte waren in erster Linie für Bio-Bauern gedacht, aber das Wirtschaftsministerium fördert und subventioniert nun die Verbreitung und Aktualisierung im konventionellen Sektor. Auf diese Weise kann das Wissen von Landwirten und Tierärzten genutzt werden.

Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung und das Problem mit der Resistenz

Die Verringerung des Einsatzes von Antibiotika in der Tierhaltung muss die Entstehung Antibiotika-resistenter Bakterien – die oft auch für den Menschen gefährlich sind – reduzieren.

Antibiotika wurden bis 2008 oft präventiv über das Futter und bei Krankheit noch zusätzlich durch den Tierarzt verabreicht. Durch den jahrelangen hohen Verbrauch an Antibiotika in der Viehhaltung sind verschiedene Bakterien resistent geworden.

Vom Tier auf den Menschen

Einige resistente Erreger aus der Tierhaltung sind auch für den Menschen gefährlich, wie beispielsweise MRSA und ESBL .

MRSA

MRSA-Bakterien können vom Tier auf den Menschen durch direkten Kontakt mit Vieh übertragen werden.

ESBL

ESBL-Bakterien werden wahrscheinlich durch Kontakt mit infiziertem Geflügel übertragen.

Geschwächtes Immunsystem

 Wenn Menschen mit resistenten Bakterien infiziert werden, ist eine antibiotische Behandlung nicht mehr möglich. Patienten mit einem geschwächten Immunsystem laufen Risiko zu sterben. Schätzungsweise sterben jedes Jahr viele Tausende Patienten in Europa.

Antibiotikagebrauch in der Tierhaltung

Der Verkauf von Antibiotika für die Tierhaltung stieg in den Niederlanden im Jahr 2007 auf fast 600 Tonnen. Seitdem ist der Antibiotikaverbrauch als Folge der Regierungspolitik in der niederländischen Tierhaltung rückläufig. In 2013 wurden noch 209 Tonnen Antibiotika verkauft. Im Jahr 2015 sank der Einsatz noch weiter, um 70% im Vergleich zu 2009.

Vorkommen Antibiotika-resistenter Bakterien

 In den letzten Jahren ist das Vorkommen Antibiotika-resistenter Bakterien in den Niederlanden, trotz  Rückgang des Antibiotika-Verbrauchs, weiter gestiegen. Im Jahr 2013 ging das Wachstum zunächst zurück. Um die Entstehung resistenter Bakterien weiter einzudämmen, muss der Einsatz von Antibiotika in der Tierproduktion noch weiter reduziert werden. Verordnungen in der Betriebsführung und die Verwendung von Kräutern und Probiotika können hierbei helfen.

Kräuter verdrängen Antibiotika
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