Autor: Dieter Loboda

Ein moderner Clowndoktor – der etwas andere Arzt mit Herz & Zeit!

 

Clowndoktor

  1. Gelotologie ist die Wissenschaft vom Lachen.
  2. Lachen entspannt und ist gesund!
  3. Komm, wir gehen zum Lachworkshop.
  4. Lachen fördert Atmung und regt den Kreislauf an.
  5. Lachen unterstützt das Immunsystem.
  6. Lachen begünstigt schwierige Heilungsprozesse.
  7. Lachen ist eine heilende Kraft.
  8. Das Lachen ist die Tochter der Komödie.
  9. Lachen wirkt wie eine heilgymnastische Übung.
  10. Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln.

Diese zehn oder ähnliche Aussagen könnten das Thema treffend beschreiben. Selbst ein kleines Schmunzeln beeinträchtigt ein Gespräch im positiven Sinne. Natürlich auch ein Stirnrunzeln, das uns eher skeptisch macht, was wir allerdings erst später erinnern. „Der Körper lügt nicht“, ist eine alte Weisheit. Experten weisen nach, dass man mit acht Muskeln ein breites Lachen hervorbringen kann und dass bei Ärger und angespanntem Gesicht mehrere Dutzend Muskeln beteiligt sind.

  • Das Unlogische ist notwendig. (Friedrich Nietzsche)
  • Paradoxie gehört zum höchsten geistigen Gut. (Carl Gustav Jung)
  • Humor löst die Blockierung des rationalen Denkens. (Paul Watzlawik)
  • Grenzüberschreitung durch Humor distanziert von Moral, Scham und Norm (Michael Balint)
  • Der Witz ist ein sozialer, lustvoller Vorgang bei der Überwindung triebhafter Hemmung (Siegmund Freud)
Körpersprache und Empathie

Da kommt nun der Clowndoktor ins Blickfeld. Dabei geht es allerdings nicht ausschließlich um Spaß, Humor und Ulk. Auch das traurige Gesicht gehört dazu, ein Zittern, hochgezogene Augenbrauen, herabhängendes Kinn, alles ohne Worte, eher mit Gesten und Mimik, eben pantomimisch einen Kontakt herzustellen. Zu beachten ist dabei natürlich die Eindeutigkeit der angestrebten Wirkung. Es nutzt nicht, bei Zustimmung unterbewusst den Kopf zu schütteln. Das wirkt verwirrend und ist in der Auswirkung eine doppelte Botschaft. Der Clown bleibt immer einzeln, auch in der Gruppe.

Weißer Kittel, Jonglieren, Zaubertricks, Farbenspiel, Kartentricks, Ballons, Bauchreden, Verkleidung und die traditionelle rote Nase, gehören zum Clowndoktor, der mit Einladung der Ärzte in den Kinderkliniken tätig wird. Natürlich betritt der Clown nicht unvorbereitet einfach ein Krankenzimmer. Die Erkrankung wird vertraulich vorher besprochen. Ansteckungsgefahr, der persönliche Zustand des Kindes, chronisch schwerer Krankheitsverlauf und die elterliche Situation müssen berücksichtigt werden. So kommen stets zwei Clowns vor dem Krankenzimmer zusammen. Niemals ist vorhersehbar, wie das Kind reagieren wird. Der Clown hat kein Programm, wenn er das Krankenzimmer betritt. Der Patient bestimmt die Interventionen.

Schmerz, Trauer, Depression, Angst, Sprachlosigkeit, Erschöpfung sind nur einige der anzutreffenden Situationen. Eine verzweifelte Mutter sagte mir einmal: „Können Sie nochmal kommen? Mein Kind hat schon seit einem halben Jahr nicht mehr gelacht“. Bei diesem Besuch war nur möglich, eine Geschichte vorzulesen, eine großartige Clownerie war nicht angebracht. Auch Stille, geringe Bewegung und das Überreichen einer kleinen Trostpuppe war für dieses kranke Kind schon ausreichend.

Zaubertricks und Rollenspiel

Ein anderes Mal ist es ein Zaubertrick, etwa ein Tuch vor den Augen des im Bett liegenden Kindes verschwinden zu lassen, angesagt. Eine Handpuppe oder ein Musikinstrument, die den Gesichtsausdruck des Kindes zurückspiegeln und ein Lachen hervorrufen können. Eine kleine Mundflöte mit einem Rhythmus, ein Hut, den das Kind gern selbst ausprobiert, eine Tierstimme imitieren, sind Möglichkeiten. Manchmal geschieht auch etwas zwischen den Clowns, besonders gut zu zweit, wenn zwei kleine Patienten zu Bett liegen. Die Clowns können sich getrennt den Kindern zuwenden oder etwas als Sketch vorführen. Der eine als der Kluge und der andere als  Dummchen. Eine Pfauenfeder sanft auf dem Ellenbogen balancieren gelingt auch im Liegen. Spontanes Handeln ist der Schlüssel zur Echtheit, mit der selbstverständlichen Akzeptanz des Scheiterns. Das ist das eigentliche Wesen eines Clowns.

Also, ein breites Spektrum an Kreativität, gepaart mit Ernsthaftigkeit in der Sache,  zeichnet einen Clown aus. Vor allem ohne Technik, ohne Handy, ohne PC, medizinische Gerätschaften, eben auf natürlichem Wege. Ungenauigkeiten, Versagen, komisches Gehen, übergroße Füße, wackelnde Ohren, tölpelhaft tun, Tollpatschigkeiten, alles dient dazu, hoffnungslose Alltagssituationen zu erleichtern. Eine Gruppe mit seit drei Wochen schweigenden Kindern auf einer Krebsstation erlebte, dass beim Verabschieden des Clowns die Kinder laut rufen konnten: „Wann kommst du wieder?“

Nicht umsonst spricht man in Fachkreisen vom therapeutischen Clown, der dann Chancen hat, wenn Medizin in festen Strukturen von Abrechnungsformalitäten, Vorschriften und Hierarchien ihre Grenzen hat. Der Clowndoktor kann, wie ein Schauspieler, seine Gesten verlangsamen die Stimme verstellen, seinen Gang holperig machen, sich taub stellen, und dadurch von einer Verhaftung im logischen Denken ablenken, etwa die Angst beim Warten auf eine Operation entschärfen.

Ein Rollenwechsel, etwa, dass der kleine Patient als Arzt die Operation erklärt und der Clown ängstlich zittert, um dann lächelnd zu einem stummen zustimmenden Nicken überwechselt, kann auch hilfreich sein. Gemeinsam ein Bild malen, zu zweit ein Quiz erraten – seine M , in Absprache mit den Klinikärzten. Eines ist sicher, der Clowndoktor kann nicht von seinem eigenen Humor ausgehen. Er muss ständig auf sein Gegenüber eingehen, um dessen Wahrnehmung zu erkunden. Wir kennen typische Zuschreibungen aus dem Kontext unserer eigenen Familiengeschichten: Stubenhocker, Nesthäkchen, Opferlamm, Wunderkind, Tausendsassa, Trauerkloß, Prinzessin, Zappelphilipp, Muttersöhnchen und den Klassenclown. Hier wird oft mit einem Augenzwinkern und der Anlehnung an den Humor treffend ein Verhalten unserer Menschen im Umfeld skizziert. Der Vater durfte freilich nicht die gleichen Scherze machen, wie die Mutter.

Wie es wirkt, ist nicht neu

Clown sein heißt auch, paradox und therapeutisch handeln zu können. Das ist eine überlieferte Kunst, wie nachfolgende Beispiele zeigen. Aus der Blütezeit arabischer Medizin stammen zwei psychotherapeutische Geschichten der berühmten Ärzte Rhazas & Avicenna und zwei Beispiele aus neuerer Zeit eines weltberühmten Hynotiseurs und eines Genies.

  • Ein königlicher Prinz litt an der Vorstellung, eine Kuh zu sein. Immer wieder schrie er, man möge ihn doch schlachten und das Fleisch zu einem guten Braten machen. Als Avincenna gerufen wurde, sagte der Arzt schon in der Tür: „Wo ist die Kuh, die ich schlachten soll?“ Sofort legte der Patient sich zu Füßen von Avincenna nieder und begann zu muhen. Der Arzt band ihn wie ein Vieh, tastete ihn überall ab und diagnostizierte: „Diese Kuh kann man noch nicht schlachten, sie muss erst fetter werden“. Seit dem Tag begann der Prinz wieder zu essen. Als man später nach dem Schlächter gerufen hatte, soll der Prinz nach einem jungen Mädchen verlangt haben.
  • Ein Emir litt so sehr an Rheumatismus, dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Kein Arzt konnte ihm helfen. So wurde Rhazas herbeigeholt, zunächst vergebens. Eines Tages sagte er zum Emir: „Morgen werde ich eine neue Behandlung durchführen, allerdings wird sie dich dein kostbarstes Pferd kosten“. Der Kranke nickte bloß.

Am anderen Tag legte Rhazas den Kranken außerhalb der Stadt, einsam gelegen in ein heißes Bad. Der Arzt ging, kleidete sich um, wie zu einer langen Reise, sprang dann mit einem Dolch auf den Patienten zu und schrie:

„Jetzt töte ich dich, du hast mich lange genug gequält!“ Der Emir sprang aus dem Bade, so sehr hatte ihm der Schreck die Glieder gelöst. Der Arzt verschwand mit dem kostbaren Pferd. Später wurde er belohnt. Im noch erwähnenswerten Brief des Arztes stand: „Langes Leben dem Emir in Gesundheit! Ich habe dich nach Kräften behandelt. Als meine Schwäche zu groß wurde, habe ich Psychotherapie angewendet, um deine Lebensgeister wieder zu beleben.”

  • Milton Eriksen, weltbekanntes Genie der Hypnose, wurde einmal in eine Klinik gerufen, weil sich dort ein Patient selbst als Jesus definierte. Statt der üblichen Untersuchungsutensilien wie Fieberkurve, Tablettenmedikation, Blutdruckgerät und Spritzen begrüßte er den Patienten mit Handschlag und der Frage: „Ich habe gehört, dass sie Erfahrung als Zimmermann haben.“ Seitdem macht der Patient Möbel. (Im Bibeltext waren Jesus und Josef beide Zimmerleute).

Quick Reframing (Umdeuten) wird diese paradoxe Technik genannt. Doch noch etwas ist für die Haltung der Clowns von Bedeutung. Der Satz von Albert Einstein. „Ein Freund ist jemand, der dir deine Lebensmelodie vorspielt, wenn du sie selbst vergessen hast“.

Auch das Sammeln der Sommerfarben für den Winter aus Europas schönstem Märchen, der kleine Prinz von Antoine Saint-Exup , kann eine fantasievolle, imaginäre Anregung sein.

Das sind Beispiele paradoxer, psychotherapeutischer Intervention mit Sinn. Als Clowndoktor zu moderieren, ist also eine besonders anspruchsvolle Tätigkeit, die sehr viel Einfühlungsvermögen erfordert und es ist zu hoffen, dass diese Tätigkeit eines Tages nicht mehr nur ehrenamtlich ausgeführt werden muss. Besonders im harten Wirtschaftsleben mit strengen Hierarchien im Management könnten wir eines Tages einen echten „Clownmanager“ hervorbringen. Im Westerwald sorgt WKiss mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband dafür, dass die Kliniken der Umgebung auf die aus- und fortgebildeten Clowndoktoren zurückgreifen können. Es gibt schon Hunderte Sponsoren und Förderer, die mithelfen. „Danke dafür“, sagen die Clowndoktoren.

Am Ende der Ausbildung verleiht WKiss den „weißen Kittel und die rote Clownnase“ für die neuen Clowndoktoren. Eine ernste Angelegenheit, schlüpfen doch die Clowndoktoren mit dem Aufsetzen der Nase in eine andere Welt. Sie warten dann ungeduldig auf die Dienstpläne für Einsätze an Wochenenden in ihrer jeweiligen Kinderklinik, obwohl 10 Krankenzimmer in zwei Stunden auch anstrengen. Clowndoktoren sind darüber hinaus bei Senioren der Altenbetreuung aktiv.

Machen Sie, verehrte Leser, eine kleine spontane Übung. Heben sie ihre Hände hoch mit ausgestrecktem Arm über dem Kopf. Verziehen sie ihren Mund, so als würden sie lächeln wollen. Dann sagen sie laut: „Ich bin depressiv.“ Sie merken, dass Sie das nicht glaubhaft zu tun vermögen, schon gar nicht ohne Lachen oder Schmunzeln, stimmt‘s? Allein die Muskelbewegung der Lippen und Arme löst im Gehirn die Botschaft von Freude aus, oder?

Dieter Loboda – Gestalt Therapeut – Counselor grad. – Dozent – Buchautor

  1. Medical Journalist. – Clown Doktor

www.mac-koblenz.jimdo.com

 

 

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